Die Grenze ziehen: Onda Vaga und das Unbehagen hinter der Bühne

Die Grenze ziehen: Onda Vaga und das Unbehagen hinter der Bühne

Triggerwarnung: Der folgende Text beschäftigt sich mit sexuellem Missbrauch und erwähnt Vergewaltigung

Sexueller Missbrauch im Musikbusiness ist ein weltweites Problem, das durch die #metoo-Bewegung mehr und mehr publik wird. Ein aktuelles prominentes Beispiel ist die Debatte rund um R. Kelly. Auch in Argentinien ist das Problem verbreitet. Letzten Herbst wurden auf der Webseite ‘Onda Vaga Denuncias’ Berichte von sexuellem Missbrauch durch die Indie-Band Onda Vaga veröffentlicht. Über 40 Frauen und Mädchen erzählten von missbräuchlichem Verhalten der Band. Unsere Gastautorin Rocío Mariño war als Teenager großer Fan. In ihrem Text beschäftigt sie sich mit der Frage, wo die Grenze zu ziehen ist zwischen Teenagersehnsüchten von sexueller Freiheit und Abenteuer und dem Missbrauch durch die Band.


(aus dem Englischen übersetzt von Alisha Gamisch, scroll down for the English version)

Ich war neunzehn, als ich sie zum ersten Mal auf einer Bühne sah…

Ich war neunzehn, als ich sie zum ersten Mal auf einer Bühne sah. Eine Freundin hatte mir gesagt, ich solle hingehen, dass die Musik gut sei. Zu der Zeit spielten sie in kleinen Bars vor weniger als fünfzig Leuten. Ich habe sie sofort geliebt. Als ich letztens meine aufgehobenen Konzerttickets sortierte, waren vierzig davon von Onda Vaga Konzerten.

Ich war vor allem in einen von ihnen verliebt, träumte davon, seine Freundin zu sein, mit ihm und seiner Band zu spielen, zu singen, Momente zu teilen, ein Bier, eine Zigarette, einen Joint, egal, Hauptsache irgendwas mit ihnen teilen. Ich wachte immer glücklich auf, glücklich von diesen flüchtigen Erlebnissen, die ich mit ihnen im Schlaf erlebte.

Nach und nach langweilten mich die Lieder, die ich vorher rauf und runter gehört hatte.

In der Realität hatte meine Liebe für sie natürlich keine Chance erwidert zu werden, da ihr Publikum wuchs und wuchs, besonders das weibliche. Meine Freundin und ich wurden noch unsichtbarer, als wir es zu Beginn unserer Onda Vaga Fankarriere schon waren. Wir kamen in keinster Weise in Frage, wir spielten nicht in der Liga mit. Wir waren wohl nicht auffällig genug, nicht süß, nicht sexy genug, zumindest dachten wir das.

Nach einer Weile änderte sich meine Sicht: Ich sah nun die tausenden Menschen, die die Band spielen sehen wollten (ich wurde weiter und weiter weg von der Bühne gedrängt) und nach und nach langweilten mich die Lieder, die ich vorher rauf- und runtergehört hatte. Frauen und Mädchen hyperventilierten vor der Bühne und äußerten überschwänglich ihre Liebe zu ihren Idolen. Ich sah mich selbst in ihnen, mich selbst vor einem Jahr. Meine Liebe zu ihnen war zwar noch nicht zu 100 Prozent überwunden, aber wie eine Frau, die langsam begreift, dass ihre unglückliche Liebe diese ganzen Tränen nicht wert ist, betrachtete ich das Geschehen. Ich distanzierte mich von meinem Teenagercrush und irgendwann waren sieben Jahre vergangen, in denen ich zu keinem Onda Vaga Konzert mehr gegangen war.

Onda Vaga zu Beginn ihrer Karriere vor einem Schwarm verliebter Mädchen

Onda Vaga zu Beginn ihrer Karriere vor einem Schwarm verliebter Mädchen

Das Leitmotiv: Männliche Musiker, die sich an Minderjährigen vergingen.

Und dann vor kurzem erreichten mich die Neuigkeiten: Auf einer neuen Webseite waren über 40 Berichte sexuellen Missbrauchs durch die Jungs von Onda Vaga erschienen. Traurigerweise war ich nicht überrascht. Woher auch?

Vor ungefähr fünf Jahren waren die ersten Berichte über sexuelle Belästigung und Missbrauch in der Rockszene in Argentinien öffentlich geworden. Das Leitmotiv: Männliche Musiker, die sich an Minderjährigen vergingen, Fans, “Groupies”. Kleine Bands wurden als erstes bekannt, die größeren später. Die Berichte hörten nicht auf.

Ich habe mich entschieden von Onda Vaga zu erzählen, nicht nur aus schierer Wut über ihr Verhalten, sondern auch, weil sie etwas sehr persönliches in mir zerstört haben: meine Vorbilder als Teenager und meine Fantasien. Natürlich gibt es aber zahllose andere Bands und Musiker mit derselben Story. Nicht nur in Argentinien, sondern überall auf der Welt.

Wo können wir die Grenze ziehen zwischen Konsens, Machtmissbrauch, Belästigung und sexuellem Spiel und Freiheit?

Als ich begann, die Berichte auf ‘Onda Vaga Denuncias’ zu lesen, betrat ich eine Welt aus Grautönen und Widersprüchen, die mich vor allem zur folgenden Frage führte: Wo können wir die Grenze ziehen zwischen Konsens, Machtmissbrauch, Belästigung und sexuellem Spiel und Freiheit?

Unter den Berichten gibt es konkrete Fälle von Missbrauch. Die Bandmitglieder ignorierten das NEIN von vielen ihrer sexuellen und romantischen Partner*innen und wendeten Zwang an, um sie dazu zu bekommen, das zu tun, was sie wollten. Doch es gibt auch andere Berichte. Solche, die innere Unschlüssigkeit zeigen und Fragen in mir hervorriefen. Solche, in denen es kein NEIN gab, solche, in denen der Sex auch von den Mädchen gewollt wurde.

Auch die Frauen, die berichten, dass der Sex konsensuell war, drücken ein tiefes Unbehagen aus.

Wenn also diese Mädchen entscheiden, sich selbst nicht Opfer zu nennen, wie sollen wir dann die Grenze ziehen zwischen einer Bevormundung und Entmündigung dieser Mädchen in ihrem Wunsch, sich sexuell auszuprobieren, und dem Versuch, sie vor Missbrauch zu schützen?

Die Antwort(en) zu dieser Frage lassen sich in den Berichten der Betroffenen selbst finden. Interessanterweise drücken nämlich auch die Frauen, die berichten, dass der Sex konsensuell stattgefunden hat, ein tiefes Unbehagen darüber aus, wie die Bandmitglieder von Onda Vaga sie behandelt haben. Wie Beziehungen zu ihnen entstanden und endeten. Unbehagen, das sie erst jetzt formulieren können, nachdem sie sich zu erwachsenen Frauen entwickelt haben, mit zeitlicher Distanz und einer mentalen Dekonstruktion eigener Gewohnheiten der Unterwerfung, die sich als junges Mädchen noch selbstverständlich anfühlten.

Im Geheimen kann man alles tun, mit den Grenzen der oder des anderen spielen, es gibt keine Gefahr der Bestrafung.

Beim Lesen wird das Unbehagen der Mädchen greifbar und die Gründe für ihr Unbehagen werden offensichtlich: Die Verletzlichkeit, die entsteht, wenn ein junges Mädchen und ein Mensch von über 30 Jahren miteinander schlafen. Die Angst, mit der die meisten von uns Frauen aufgewachsen sind, nein zu sagen und eine Sozialisation, in der die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen hochgeschrieben wird, so lange sie sich dem Begehren des Gegenübers anpasst. Jedes dieser Mädchen wurde Teil einer berechnenden Strategie, die die Bandmitglieder anwendeten, um zu bekommen, was sie wollten.

Im Geheimen kann man alles tun, mit den Grenzen der oder des anderen spielen, es gibt keine Gefahr der Bestrafung. Situationen austesten, in denen der Nervenkitzel überwiegt und alles aufregend ist - in einer erwachsenen konsensuellen Beziehung können wir damit umgehen, vielleicht daran wachsen und die Freiheit genießen, unsere eigenen Erfahrungen zu machen, auch wenn sie zu Versagen oder Reue führen.

Wenn aber auf so vielen Ebenen ein großes Machtungleichgewicht herrscht, sieht es anders aus. Mädchen werden immer noch wenige Handlungsstrategien beigebracht, sich selbst zu schützen, herauszufinden, was sie wollen und es auch auszudrücken. Außerdem werden sie in dem Glauben aufgezogen, dass die sexuelle Würdigung von Männern auch ihren Wert als Person erhöht. Deshalb sind sie ein leichtes Ziel für Männer, die nur an ihr eigenes Wohlbefinden und ihre eigene Lust denken. Männer, die im Erfolg schwimmen und es gewohnt sind, Macht auszuüben, die unfähig werden, mit einer erwachsenen Partnerin umzugehen, die eine unabhängige Person ist, mit eigenem Willen und eigenen Bedürfnissen.

Wir müssen aufwachen, aufstehen gegen solche Mechanismen und Verhalten wie dieses ausstellen.

Auf rationaler Ebene können wir uns das Problem bewusst machen, schwerer ist es, die Idealisierung dieses Machtungleichgewichtes unserer Gesellschaft auf emotionaler und sexueller Ebene zu überwinden.

Vielleicht sind nicht alle dieser Fälle Missbrauch, doch es wird klar, dass Gewalt sich selbst in konsensuellen Interaktionen auf verschiedene Arten zeigt und dass die Macht, die Männer für so lange Zeit innehatten, keine Einzelfälle hervorrufen, sondern ein klares, systematisches Verhalten.

Deshalb müssen wir aufwachen, aufstehen gegen solche Mechanismen, Verhalten wie dieses ausstellen, damit wir eine Welt aufbauen können, in der sexuelle Ausbeutung junger Frauen durch ältere mächtigere Männer nicht mehr normalisiert wird.

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Drei der Bandmitglieder up close

Drei der Bandmitglieder up close

English Version:

Drawing the line

When I went to see them for the first time, I was 19. A friend had told me to go, that the music was good. At the time they played in small bars with an attendance of less than 50 people. Much later, when I went through my old collected concert tickets, I counted more than 40 tickets only from Onda Vaga gigs.

I had a big crush on one of them. I dreamt of being his girlfriend, his friend, playing with them, singing, sharing moments, a beer, a cigarette, a joint, just anything. I woke up happy because of the fleeting and unreal dreamy moments I shared with them in my sleep.

In reality, of course, my love for them had no chance of being returned as the audience grew and grew, especially the female one. My friend and I became even more invisible than we had been at the beginning of our Onda Vaga fan carreer. We were not any kind of "competition", we were not even able to play the game. We thought we were not sexy or eye-catching enough for them. P.robably we were just to shy.

After a while my perspective changed: I now saw the thousands of people who came to see them (I was getting further and further away from the stage) and slowly the songs I had loved and heard over and over again began to bore me.

Women hyperventilating in front of the stage, expressing their love effusively. I saw myself reflected a year ago with a love still not exceeded 100% but more from the perspective of that girlfriend who realizes that her love is not worth all the tears shed, so little by little, I distanced myself from my teenage crush and at one point I realized it had been more than 7 years since I had seen them for the last time.

One day the news came to me: there was a website called ‘Onda Vaga Denuncias’. It displayed over 40 testimonies of abuse. Sadly, I was not surprised. How would I be surprised?

About 5 years ago in Argentina the news of harassment and abuse in rock had begun to spread. The leitmotive: male artists having their way with minors, fan girls, “groupies”. It started with small bands, and it went up to large, famous bands.

I chose to talk about Onda Vaga not by mere fury, but also because they destroyed something very personal to me: my teenage rolemodels and fantasy dreams. However, there are dozens of bands with the same story. Not only in Argentina, but all over the world.

Reading the testimonies, I entered a grey area of contradictions, starting mainly with the following question: where can we draw the line of consensus, abuse of power, harassment, and voluntariness?

Among the testimonies, there are concrete cases of abuse. The band members didn’t respect the NO of a lot of their sexual and romantic partners and decided to use force to get them to do what they wanted. But there are also other testimonies, those that coin my contradictions and questions. Where there is no concrete NO, where there is voluntariness.

If the "victims" decide not to call themselves victims, then how do we draw the line between protecting a young girl from being abused and patronizing her in her wish for fullfilled sexuality and trying out things?

The answer(s) to this question lie in the testimonies of these girls and women which are added to this article. Interestingly even the women who tell a story which is not a clear abuse due to the consesual nature of the intercourse, also decide to express a deep discomfort with how the band members of Onda Vaga treated them, how the relationships evolved and ended. Discomfort that they are able to identify only now after personal growth, time and deconstruction of these habits of submission that are so easy to ignore as a young girl.

Reading this I feel the discomfort with the girls. The reasons of this discomfort become obvious. It has to do with the vulnerability of a sexual encounter between a young girl and an individual over thirty years of age. It has to do with the fear with which most of us women grew up to say no, and with an upbringing that supposes us to availability of the desire of the other. Each of these girls was part of the calculation of interest that these individuals made to satisfy their wishes.

In the shadows you can do anything, you can play with the limits of the other, with no risk of punishment. Situations where the thrill is unlimited and everything is exciting. In an adult consensual relationship we might be able to deal with it, we might be able to grow upon it and enjoy the freedom to make our own experiences, even if they lead to failure or regret.

However if such a huge power gap comes into play, it is different. Girls still learn little repertoire to protect themselves, to be clear about what they want and how to express it. Plus, they are being raised in the belief that the sexual appraisal of men increases their worth. Thus, they are an easy target to men who care only about their own well-being and pleasure. Men who are drunk on power and unable to deal with their partner being an independent person with her own will and needs.

Rationally one can be aware of the problem, but overcoming the idealization of these power structures on the emotional and sexual level is more difficult.

Perhaps it is not always abuse, but we grow up to understand that even in consensual meetings, violence manifests itself in many ways, and that the power that these men had for so long resulted not in isolated events, but in a clear systematic behavior.


This is why we are waking up and rising, and exposing these people’s behaviour so we can create a world in which the sexual abuse of young women by older, more powerful men won’t be normalized anymore.




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