Popsofa: Die Hexe in „Der Teufel tanzt um Mitternacht“

Popsofa: Die Hexe in „Der Teufel tanzt um Mitternacht“

Frauen im Horrorfilm sind meistens flache, stereotype Figuren. Und das Genre ist in weiten Teilen fürchterlich misogyn. Trotzdem kann auch ich mich der Faszination der immer gleichen Erzählungen um Übersinnlichkeit nicht entziehen. Am Ende stellt sich immer heraus, dass die Quelle übler Gefühle und Symptome doch keine psychische Erkrankung, sondern etwas Externes ist, der Teufel, der Antichrist oder, wie im kommenden Beispiel, eine Hexe. Und was für eine Tolle!

Vorab

Der Teufel tanzt um Mitternacht, so der schöne deutsche Titel der Horrorperle The Witches, wurde 1966 von den legendären Hammer Studios fertiggestellt. Leider muss ich enttäuschen, denn den Teufel sieht man darin nicht einmal tanzen. (Und ich werde auch den Rest durchspoilern. Falls ihr das nicht mögt, bitte jetzt aussteigen und auch die Bilder nicht so genau angucken, nech?)

Im Film ist eine weibliche Hauptfigur angelegt, die wahre Begeisterungsstürme in mir ausgelöst hat: Stephanie Bax, die Anführerin eines Hexenzirkels in einem idyllischen englischen Dorf.

Wo kommt mein Enthusiasmus her? Ihr kennt sicher das Phänomen, dass man die Bösewichter eines Film mindestens genau so ins Herz schließt wie die Held*innen. Oder ihr habt schon mal gespürt, dass verbotene Vergnügen besonders verlockend sind. Also, beides war der Fall.

Zur Handlung

Die tüchtige, in einem nicht weiter spezifizierten afrkanischen Land arbeitende Missionslehrerin Gwen Mayfield (Joan Fontaine) ist nach einem erlittenen Trauma im Zusammenhang mit einem Stammesaufruhr und Medizinmännern (bzw. deren westeuropäisch-rassistischen Projektionen) zurück im ländlichen England. Sie tritt, psychisch immer noch labil, eine Stelle als Dorflehrerin an. Schon in der Eröffnungsszene, die strohblonde Missionarin verbarrikadiert sich mit ihren Missionslakaien im Schulgebäude, während draußen die Trommeln rumpeln und ein bedrohliches Totem erscheint, ist es echt schwer, Partei für die Lehrerin zu ergreifen. Denn sorry, selber schuld, British Empire.

Im Dorf findet Gwen keine Kirche vor. Alan Bax, der das Bewerbungsgespräch für die Schule geführt hat und der eigentlich Reverend hätte werden wollen, wohnt zusammen mit seiner Schwester Stephanie Bax (Kay Walsh). Die beiden empfangen Gwen bei sich. Schon bei der ersten Begegnung mit Stephanie versprüht diese ihren Charme: Sie trägt ein gut sitzendes Kostüm, wirkt mondän mit ihrem Kurzhaarschnitt und verwickelt Gwen souverän in Smalltalk. Sie bietet einen Gin an, und wir erfahren, dass sie Journalistin ist, regelmäßig in der Sonntagsbeilage veröffentlicht. Selbstbewusst holt Stephanie Feedback von Gwen ein. Also, was haben wir da? Alleinstehend, selbstständig, ruht in sich, kann mit Kritik umgehen, Swag. Vor allem im Kontrast zu Fräulein Fragil mit dem Helferkomplex ist Stephanie eine echte Sympathieträgerin. Und für die 60er-Jahre durchaus modern, denn ich erinnere, Frauenberufe dieser Ära sind klassische Careberufe, die Kindern, Alten, Schwachen und Kranken dienen. Nix da mit intellektueller Selbstverwirklichung! Vielfach mussten Frauen darum kämpfen, überhaupt Abitur machen zu dürfen.

Linda und ihr Klassenkamerad sitzen auf einer Wiese am Bach. SOS, Deflorationsgefahr! Das Dorf achtet darauf, dass dem Mädchen nicht die Jungfräulichkeit geraubt wird.

Linda und ihr Klassenkamerad sitzen auf einer Wiese am Bach. SOS, Deflorationsgefahr! Das Dorf achtet darauf, dass dem Mädchen nicht die Jungfräulichkeit geraubt wird.

In Gwens Dorfschule sitzt Linda, ein mental langsamer als körperlich entwickelter Backfisch, dessen erste sexuelle Erfahrungen das ganze Dorf gesammelt zu verhindern sucht. Seltsame Dynamik! Die Lehrerin startet ihren Unterricht engagiert und sorgt sich auch um die anderen Dorfbewohner. Während ihres Aufenthalts tragen sich aber noch weitere seltsame Dinge zu, eine Voodoopuppe, ein unerklärliches Koma. Gwen vermutet schwarze Magie. Stephanie dagegen glaubt nicht an das Übernatürliche, dafür an Wissenschaft, sie rationalisiert. Sie scheut sich nicht, Hexen und heidnische Bräuche, Gwens Befürchtungen anzusprechen. Sie ermutigt, beschützt und empowert Gwen und bietet ihr an, einen Artikel gemeinsam zu verfassen und sich das Honorar zu teilen. Noch mehr Sympathiepunkte von mir.

Gwen und Stephanie unterhalten sich angeregt im Wohnzimmer der Baxes. Oder ist hier ein Flirt dabei? Stephanie zeigt sich an der gefundenen Voodoopuppe wissenschaftlich interessiert; Gwen ist sich nicht so sicher, ob es nicht doch Hexerei gibt oder sie nur ihrem Trauma aufsitzt.

Gwen und Stephanie unterhalten sich angeregt im Wohnzimmer der Baxes. Oder ist hier ein Flirt dabei? Stephanie zeigt sich an der gefundenen Voodoopuppe wissenschaftlich interessiert; Gwen ist sich nicht so sicher, ob es nicht doch Hexerei gibt oder sie nur ihrem Trauma aufsitzt.

Als sich die Situation weiter zuspitzt, erleidet Gwen einen Nervenzusammenbruch, nachdem sie ihr afrikanisches Trauma erneut durchlebt. Grausige heidnische Fratzen erscheinen ihr. Die schwarze Magie hat ihren Weg nach England gefunden! Der Film versucht hier, das Fremde und Archaische als einen Horror darzustellen und ist dabei wieder plump rassistisch. Die blonde Dorfschullehrerin ist allerdings die einzige, der dies wirklich Angst macht; ich kann mir keinen heutigen Zuschauer vorstellen, der sich wirklich fürchten würde. Vielleicht ärgern angesichts der Stereotype - aber dafür ist es zu lustig.

Gwen wird in die Psychiatrie eingeliefert und ist auf diese Weise erst einmal aus dem Weg geräumt. Von dort bricht sie aber aus, kehrt ins Dorf zurück und findet folgende Situation vor:

Ihre jungfräuliche Schülerin Linda wurde gekidnappt! Die Dorfbewohner*innen versammeln sich im Dunkeln in der Kirchenruine der Stadt. Und die wird dann entweiht, was das Zeug hält! Denn Stephanie ist eine mächtige Hexe, die mit ihrem Hexenzirkel aus Dorfbewohner*innen ein heidnisches Ritual begeht. Dies offenbart sie nach dem Ritual in ihrem Hexenumkleideraum der schockierten Gwen. Dann gibt sie ihre Motivation für ihr Studium der schwarzen Künste preis.

Mein Leben lang habe ich versucht, mein Gehirn voll auszuschöpfen und meinen ganzen Ideenreichtum und mein ganzes Wissen in den Dienst der Menschheit zu stellen. Erst jetzt, wo mein Leben sich immer mehr dem Ende zuneigt, jetzt erst spüre ich, dass ich beginne zu lernen. Wenn ich nur noch ein zweites Leben haben könnte!
— Stephanie Bax

Sympathisch, oder? Stephanie möchte in einem Ritual Lindas Körper übernehmen, um ihr eigenes Leben zu verlängern. Nachvollziehbar, oder? Dass das nicht klappt und zum Ende alles gut ausgeht, ist langweilig. Spannend und im allerhöchsten Maße unterhaltsam ist allerdings der Hexensabbat, bei dem die magische Körperübernahme geschehen soll. Denn dieser ähnelt einer nach heutigen Maßstäben gelungenen Party: geile Kostüme, insbesondere natürlich das der Oberhexe Stephanie, gemeinsamer Rausch, Extase, neuartige Choreografien, treibende Beats bis zur körperlichen Entgrenzung, alle machen mit allen rum. Und als Master of Ceremony, Einpeitscherin und Gastgeberin Stephanie mit brennender Krone, die beim Beschwören und generellen Befehlen voll in ihrem Element ist. Die Sabbatsituation strotzt vor Begehren, Körperlichkeit, Schmutz und ist stark, sexuell und vorsprachlich. Ein Fest!

Standbild aus dem Film; Stephanie nähert sich der weiß gekleideten Jungfrau Linda von hinten, diese öffnet entrückt den Mund. Der Hexenzirkel beobachtet die Szene erregt.

Standbild aus dem Film; Stephanie nähert sich der weiß gekleideten Jungfrau Linda von hinten, diese öffnet entrückt den Mund. Der Hexenzirkel beobachtet die Szene erregt.

Reclaiming

Es ist, sicher nicht ausschließlich für heutige Sehgewohnheiten, ein mutiges Experiment, die selbstbewusste, sogar Männern die Stirn bietende und gleichzeitig schwesterlich-solidarische Intellektuelle als eigentlichen Bösewicht anzulegen. Stephanies emanzipatorischen, von Wissensdurst getriebenen Charakter als Teil des Horros zu präsentieren, funktionierte in meinem Fall so gar nicht! Im Gegenteil, zum Zeitpunkt des Hexensabbats hatte ich die Figur, die übrigens auch Kommandantin zweier süßer Schäferhunde ist, schon so ins Herz geschlossen, dass ich nur noch begeisterter war, wie sie sich im Rahmen des Rituals als machtvolle Oberhexe entfaltet.

Standbild aus dem Film; Stephanie Bax in ritueller Gewandung hebt gebieterisch den Zeigefinger. Bossy und visionär: die Oberhexe hat ihren Zirkel im Griff.

Standbild aus dem Film; Stephanie Bax in ritueller Gewandung hebt gebieterisch den Zeigefinger. Bossy und visionär: die Oberhexe hat ihren Zirkel im Griff.

Was mir hier als moralisch verwerflich verkauft werden soll, nämlich, sich aus der Helferrolle zu emanzipieren, „egoistisch“ zu sein, sich ohne Kompromisse zu bilden, vollkommen selbstbestimmt zu leben, auch im fortgeschrittenen Alter lernen und weiterleben zu wollen, mutig zu sein und zu führen, das ist kein Horror. Das ist toll! Und natürlich befürworten wir nicht, junge attraktive, aber vielleicht nicht ganz so schlaue Mädchen als Körpergefäße zweckzuentfremden. Schöne jugendliche Körper zu begehren, ist aber leicht nachvollziehbar.

Linda liegt auf dem Boden über ein magisches Symbol ausgestreckt, ihre Wangen sind rot, die Augen zu, der Mund auf. Halb zog es sie, halb sank sie hin - das Mädchen kann sich der sündigen Handlungen einfach nicht erwehren.

Linda liegt auf dem Boden über ein magisches Symbol ausgestreckt, ihre Wangen sind rot, die Augen zu, der Mund auf. Halb zog es sie, halb sank sie hin - das Mädchen kann sich der sündigen Handlungen einfach nicht erwehren.

Stephanie ist so anmaßend, und das macht so Spaß! Und klar, Female Entitlement ist genau so kacke wie Male Entitlement und autoritäre Systeme sind mehr so mittelsexy, aber wie erfrischend und witzig, einmal eine weibliche Filmfigur zu sehen, die intellektuell so dicke Eier hat, dass sie glaubt, die Welt länger als ein Menschenleben mit ihrer Geisteskraft besamen zu müssen.

Ich sage nicht, gründet einen Hexenzirkel und übt schwarze Magie und Anmaßung. Aber ich sage, guckt euch diesen alten Film an und findet raus, welche Züge an der seit Jahrhunderten das Patriarchat bedrohenden Hexe für die herrschende Ordnung so furchteinflößend sind, dass sie den Weg für Veränderung aufzeigen.

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