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"Hol den Vorschlaghammer!" - Gespräch mit zhenya efros über Performances und Identität

"Hol den Vorschlaghammer!" - Gespräch mit zhenya efros über Performances und Identität

(c) Julie Meret Schärfe

zhenya efros ist Theatermacher, Bühnenbildner und Performancekünstler, der an der Schnittstelle von Aktivismus, Forschung und Fiktion arbeitet und dabei Identitätsaspekte wie Migration, Queerness und Judentum mit Körperlichkeit im Kontext von Faschismus und sozialer Ungerechtigkeit verbindet, indem er wissenschaftliche, politische und (pop-)kulturelle Perspektiven in seine Arbeit einfließen lässt. efros wurde 2004 in St. Petersburg geboren und verließ 2022 im Alter von 17 Jahren Russland, aufgrund des Krieges gegen die Ukraine, zunehmendem Antisemitismus und wachsender Queerfeindlichkeit. Er durchquerte Finnland, Österreich und Israel, bevor er nach Deutschland kam. Seit 2023 studiert er Bühnenbild und Performance an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, u.a. bei Barbara Ehnes, Knut Klaßen und Agathe MacQueen.

Das erste Mal haben wir uns bei einem Theaterprojekt in München getroffen, seitdem genieße ich es jedes Mal wieder, von den Themen seiner Performances überrascht zu werden. Selten ist mir jemand begegnet, der so offen für andere Stimmen aus dem Team bleibt.

In dem Gespräch mit zhenya efros ging es um zwei seiner Performances, „Mehrsamkeit“ (2024 in Dresden und 2026 in Berlin) und „Denkmal“ (2026 auf Schloss Pillnitz)., außerdem um (queere) Identität und die Kulturpolitik.

Was hat dich zu den Performances bewegt?

Bei „Mehrsamkeit“ ist es der Versuch, sich mit dem eigenen Minderheitenkörper Räume wieder zu erschließen. In Dresden hatten wir einen Ausstellungsraum am Wienerplatz, in der Nähe der Pragerstraße, sie startet am Hauptbahnhof. Ein Ort, an dem sich nach dem zweiten Weltkrieg viel verändert hat und viel gebaut wurde, bis er irgendwann kaum mehr benutzbar war. Das hat dazu geführt, dass er von Neonazis vereinnahmt wurde. Jeden Montag finden dort AfD-Demos statt, Pegida ist oft dabei. Allgemein gibt es dort oft rassistische, queerfeindliche Vorfälle. Das haben wir so auch erlebt, als unsere Gruppe dort gearbeitet hat. Es war mir klar, dass ich diesen Ort nicht ändern kann, aber ich wollte eine Utopie kreieren und eben Spaß haben an einem Ort, an dem man sonst nicht so viel Spaß hat.

(c) Jiyun Yeom

Aufführung von “Mehrsamkeit” in Dresden

„Denkmal“ ist im Rahmen der kritischen Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Chinoiserie“ entstanden. Für die Museumsnacht wurde unsere Klasse auf Schloss Pillnitz eingeladen, um sich mit diesem Begriff auseinanderzusetzen, auch in Zusammenarbeit mit chinesischen, japanischen und koreanischen Künstler*innen. „Chinoiserie“ bezeichnet ein Phänomen der europäischen Kunstgeschichte, bei dem aus europäischer Perspektive etwa chinesische Kunst nachgeahmt wurde. Auch im Schloss Pillnitz, da gibt es dann zum Beispiel Schriftzeichen, die aber nichts bedeuten, weil nur die Ästhetik nachgeahmt wurde, ohne Wissen zum Inhalt oder Kontext. Ich fand den Begriff spannend, habe aber auch keinen direkten Bezug dazu und wollte nicht nach ein bisschen Recherche so tun, als ob ich mich damit auskenne. Deshalb habe ich mich mehr mit dem Konzept von Denkmälern beschäftigt. Wer baut sie und wer wird darin verewigt? Ich beschäftige mich viel mit Popkultur, deshalb war die Frage auch, was passiert, wenn dynamisch-gedachte Ideen in Stein gehauen werden. Dafür habe ich mir den Song „Denkmal“ von der Band Wir sind Helden als dramaturgische Kurve ausgesucht und eine Cover-Version davon, die Adrian Heveling produziert hat, performt. Wir haben es uns angeeignet. Ich habe mir, beziehungsweise mir als Pop-Kunstperson mit den Facetten meiner Identität, drei Denkmal-Objekte gebaut über drei Tage und sie dann zerstört.

Wie würdest du deine Performances einem Kind beschreiben?

Bei „Mehrsamkeit“ haben wir als wechselnde Gruppe eine geschlechtslose, nackte Stoff-Figur bewegt und haben uns den Raum erschlossen. Es waren, dadurch, dass wir im Stadtraum unterwegs waren, auch immer wieder Familien da. Für sie haben sich dann noch ungeplant andere Ebenen der Performance geöffnet. Sie hatten viel Spaß dabei, mit der Figur zu interagieren. Das war dann auch für sie leicht verständlich, dass man solidarisch miteinander sein muss, auf die anderen achten, damit sich die Figur noch gut anfühlt, weil sie fragil ist und sonst kaputt geht.

Im Fall von „Denkmal“ ist die Antwort sehr klar: das Lied. Vielleicht ist es mit der neuen Generation ein bisschen anders, aber meine wurde in der Kindheit sehr stark von Wir sind Helden geprägt. Ich habe sie vor zwei Jahren neu entdeckt und war so fasziniert davon, welche lyrische Kraft ihre Songs haben, aber gleichzeitig auch auf anderen Ebenen catchen. Allgemein ist das Album „Reklamation“ zu einer Hymne der Kindheit in den 2000ern geworden, wirkt aber aus heutiger Perspektive noch stärker, wenn man versteht, welche politischen und sozialen Botschaften sie uns damals eingepflanzt haben. „Sie haben uns ein Denkmal gebaut / und jeder Vollidiot weiß, dass es die Liebe versaut“ - diese Line fasst die ganze Problematik von Denkmälern und der Objektivierung des Körpers in einem lockeren Satz zusammen, der für alle zugänglich ist und trotzdem sehr stark aufgeladen bleibt.

Junges Publikum kann also gerne zu meiner Performance kommen und sich einfach das Lied anhören - da wird sogar noch viel klarer, worum es geht, als in meinen arty-farty Essays und Zeichnungen.

Auf welche Hürden und Schwierigkeiten bist du gestoßen?

„Mehrsamkeit“ wurde ja an zwei Orten aufgeführt, einmal in Dresden und einmal in Berlin. In Dresden bestand die Gruppe vor allem aus aktiven Kunststudierenden, in Berlin hat es sich zeitweise wie eine Solo-Performance von mir angefühlt. Es ist als kollektive Performance gedacht, für die eine Zusammenarbeit mit anderen Leuten notwendig ist. Ich hätte die Performance gerne nur in Marzahn stattfinden lassen, stattdessen sind wir beim Kunstraum in Kreuzberg gestartet und dann nach Marzahn gefahren. Das war rückblickend ein Fehler, weil in Marzahn nicht mehr so viele Leute da waren.

Für die drei Objekte von „Denkmal“ hätte ich gerne mit Lehm oder Wachs gearbeitet. Einem nachhaltigeren Material, das ich hätte wiederverwenden können nach dem Ende der Performance. Ich versuche auch das Material sowohl physisch als auch gesellschaftlich und politisch zu verstehen, als eine Art Co-Produktion. Leider war das schlussendlich vor allem eine finanzielle Frage und ich musste Gips nehmen.

Was soll von deinen Arbeiten im Gedächtnis bleiben?

Ich komme ja vom Bühnenbild, also in erster Linie die Bilder. Bei „Mehrsamkeit“ zum Beispiel diese riesige, ein bisschen unpassende Figur, die durch die Stadt bewegt wird. Für „Denkmal“ dieser Moment, in dem ich den Vorschlaghammer nehme und alles zerspringt. Auf informativer Ebene geht es mir in meiner Arbeit darum, einen Ort zu kreieren – vielleicht fiktiv, vielleicht aber auch nicht – wo man Kraft übernehmen oder wiederbekommen kann. Ich arbeite sonst viel kollektiv, bei „Denkmal“ habe den Ort nur für mich kreiert, war aber auch legitim, finde ich, sich selbst zu empowern.

(c) Knut Klaßen

efros bei der Aufführung von “Denkmal” auf Schloss Pillnitz

Die Performances fanden im Stadtraum statt, wie lief das ab?

Bei beiden Performances von „Mehrsamkeit“ hat es geschüttet, man geht halt auch immer eine Zusammenarbeit ein, mit dem Wetter und auch mit den Kontexten. Man wird direkt mit der Gesellschaft konfrontiert, man muss sich mit Sozialaspekten und Kontexten auseinandersetzen, in die man eintritt, damit es wirklich einen Wert hat, dass die Performance im öffentlichen Raum stattfindet. Außerdem waren die Leute in Berlin während dem ersten Teil, in Kreuzberg, sehr interessiert und haben intensiv zugeschaut, aber halt nicht mitgemacht. Ich habe sie schon draufhingewiesen, dass die Performance nur als Gruppe funktioniert, aber damit muss man auch rechnen, das ist auch ein Teil davon.

Was fasziniert dich am Einsatz des eigenen Körpers?

Was mich daran besonders interessiert, ist die physische Erscheinung als Haupt- oder sogar einziges Instrument, durch das sich das Innere dokumentiert und nach außen sichtbar wird. Identität, Erfahrung - all das kommt von innen, von jeder einzelnen Person, wird jedoch sowohl für einen selbst als auch für das Außen nur durch den Körper spürbar, erfahrbar und in gewisser Weise auch festgehalten.

In diesem Sinne ziehe ich eine direkte Verbindung zwischen Dichotomien wie Raum/Zeit und Körper/inneres Ich. Zunächst würde man vielleicht sagen, dass der Körper aufgrund seiner Monumentalität eher dem Raum zuzuordnen ist, während das innere Ich eher der Zeit entspricht - wegen der Unmöglichkeit, es anzufassen oder unmittelbar festzuhalten. Ich denke jedoch viel darüber nach, ob es nicht eigentlich umgekehrt sein könnte: Der Körper ist viel flexibler, verändert sich ständig und oft unabhängig von unserem Einfluss - ähnlich wie die Zeit. Das innere Ich erscheint mir deutlich monumentaler. Identität entsteht zwar nur innerhalb eines sozialen und gesellschaftlichen Raums, der sich verändern und immer wieder andere Formen annehmen kann, aber als grundlegendes Konstrukt unseres Lebens ist sie kaum vollständig aufzulösen.

In diesem Knoten steckt für mich sehr viel. Und diese ganze Komplexität wird letztendlich nur durch den Körper erlebt. Deswegen erscheint es mir fast selbstverständlich, ihn als mein Hauptinstrument zu benutzen.

(c) Julie Meret Schärfe

efros bei der Aufführung von “Mehrsamkeit” in Berlin

Du studierst ja Bühnenbild, wie bist du zur Performance gekommen?

Für mich gibt es keinen Unterschied dazwischen. Performance ist für mich eine Art von Verkörperung von szenografischem Denken. Es ist eine Mischung aus Theaterinstrumenten, bildender Kunst und Aktionismus, so sehe ich das zumindest. Ich wollte auch schon immer Performances machen, aber damit ich von etwas leben kann, hab ich mich für Bühnenbild entschieden. Das macht Sinn, weil Performance ja auch eine räumliche Kunst ist und die Bühne für mich nicht nur ein Raum ist, sondern auch ein gesellschaftlicher Raum, wie man miteinander umgeht. Das sieht man auch in meinen Bühnenbildern, denke ich, da versuche ich immer performativ zu denken und auch das Publikum als performenden Körper zu verstehen.

Inwiefern erlebst du Performances als queer-inklusive und/oder feministische Praxis?

Performance, oder allgemeiner die Performance Arts (genauso wie Theater) erlebe ich in sich selbst als eine Art queere und feministische Utopie. In der Idee des „Als-ob“ entsteht ein Raum, in dem alle gemeinsam akzeptieren, dass etwas für einen Moment wahr sein kann, obwohl es außerhalb dieses Raums vielleicht nicht möglich wäre. Diese Haltung eröffnet die Möglichkeit, Identitäten auszuprobieren, zu verschieben und sich selbst immer wieder neu zu empfinden.

Solche utopischen Räume können besonders für Menschen wichtig sein, die in der Gesellschaft nicht immer das Privileg haben, frei sie selbst zu sein. Deswegen waren, sind und werden Theater- und Performanceräume für mich einige der stärksten queeren Spaces überhaupt. Gleichzeitig darf man natürlich nicht vergessen, dass gerade Theater als Institution sehr hierarchisch und patriarchalisch strukturiert sein kann. Und auch Performance ist durch ihre Nähe zur bildenden Kunst nicht frei von deren Strukturen, die wiederum stark vom Kapitalismus geprägt sind. Diese Widersprüche sind früher vielleicht noch sichtbarer gewesen, aber auch heute keineswegs verschwunden. Trotzdem sehe ich in der Kunstform selbst ein großes Potenzial für Solidarität, Vielfalt und kollektives Denken.

Diese Werte sind für meine eigene theatrale und performative Praxis sehr wichtig. Dabei geht es für mich nicht nur darum, queere oder feministische Themen auf einer künstlerischen Ebene zu behandeln, sondern diese Haltung auch radikal auf die soziale Ebene der Zusammenarbeit zu übertragen. Wer ist Teil des Prozesses? Welche Perspektiven sind vertreten? Wer bekommt Raum, und wer nimmt vielleicht zu viel davon ein? Gerade in kollektiver Kunst finde ich diese Fragen grundlegend. Für mich entscheidet sich eine queere, feministische Praxis also nicht nur darin, was im Raum passiert, sondern auch darin, wie und mit wem dieser Raum entsteht.

Wo verortest du dich selbst auf einer queer-feministischen Landschaft?

Ich verorte mich sehr tief in queer-feministischen Landschaften :) Ich bin queer und unterstütze natürlich den feministischen Kampf und die Bewegung allgemein. Viele meiner größten künstlerischen Faszinationen sind Werke von FLINTA* Künstler*innen, und auch mein Freundeskreis besteht fast komplett aus FLINTA* Menschen. Dementsprechend bin ich oft bei FLINTA* Veranstaltungen und Kreisen willkommen.

Gleichzeitig finde ich es sehr wichtig, mir bewusst zu sein, aus welcher Position heraus ich mich in diesen Räumen bewege. Ich bin ein queerer, migrantischer, jüdischer Mann - und bringe dadurch zwar eigene Erfahrungen mit Diskriminierung und Marginalisierung mit, bin aber trotzdem ein Mann. Es gibt also Momente, in denen ich mich zurückhalten und Platz machen muss. Natürlich kann ich viele Erfahrungen von weiblich sozialisierten Menschen gut nachvollziehen, oft vielleicht mehr als viele andere männlich gelesene/sozialisierte Menschen. Trotzdem werde ich die Komplexität nie vollständig verstehen können.

Dasselbe gilt für andere Kämpfe und Perspektiven, zB die von PoC-Communities. Ich kann vieles nachvollziehen und solidarisch sein, aber es gibt historische und gesellschaftliche Erfahrungen, die ich nie vollständig nachempfinden kann. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich an diesen Kämpfen nicht beteiligen darf - im Gegenteil. Aber die Reflexion darüber, wie, aus welcher Position und mit welchem Raum ich mich daran beteilige, finde ich sehr wichtig.

(c) Knut Klaßen

efros bei der Aufführung von “Denkmal” auf Schloss Pillnitz

Es wird viel kritisch über Russland berichtet aber kaum darüber, wie schwierig es ist, als Russe*Russin Asyl in Deutschland zu bekommen - wie sind da deine Erfahrungen?

Es ist extrem wichtig, alle Kriegstaten Russlands gegen die Ukraine, aber auch die imperialistischen, xenophoben und queerfeindlichen Taten innerhalb des Landes sichtbar zu machen, stark zu kritisieren und sich dagegen zu stellen. Gleichzeitig ist die Ignoranz gegenüber der Bevölkerung Russlands und Menschen mit russischen Pässen außerhalb des Landes genauso unreflektiert und unsensibel.

Die EU macht es für viele Menschen mit russischem Pass extrem schwer, Visa zu bekommen, Bankkonten zu eröffnen oder überhaupt einen legalen Weg aus Russland zu finden. Familien werden auseinandergerissen, Asyl ist fast unmöglich. Gleichzeitig finden diejenigen, die tatsächlich für Krieg und Repression verantwortlich sind und über genug Geld und Macht verfügen, oft weiterhin Wege, all diese Konsequenzen zu umgehen. Und währenddessen werden wirtschaftliche Beziehungen zu Russland weiterhin aufrechterhalten. Diese Sanktionspolitik trifft die Falschen und ist in vielen Punkten ineffizient und unmenschlich.

Was aber sehr wichtig zu erwähnen ist, Ich selbst habe damit nur begrenzte Erfahrungen. Als ich am Anfang meiner Flucht versucht habe, mit meinem russischen Pass Asyl zu beantragen (oder sogar einen Aufenthaltstitel fürs Studium zu bekommen), war das für mich praktisch unmöglich. Ich musste zuerst nach Israel, dort die Staatsangehörigkeit beantragen und danach wieder nach Deutschland kommen. Und selbst mit einem israelischen Pass ist die Ausländerbehörde für mich bürokratisch gesehen die Hölle - was aber trotzdem nicht mit den Erfahrungen von Menschen vergleichbar ist, die nur einen russischen oder, zum Beispiel, Pässe aus Ländern des Globalen Ostens besitzen.

Als Besitzer von zwei vermeintlich „besten“ Pässen dieser Zeit finde ich es besonders erschreckend, wie schnell (auch in linken Kreisen!) die Denkmuster bürokratischer Systeme übernommen werden. Persönliche Geschichten, Identitäten, Marginalisierung und politische Haltungen werden einfach auf ein Stück Papier reduziert. Die Zugehörigkeit zu einem Staat wird plötzlich zur Zugehörigkeit zu seinem Regime. Und daraus wird eine Haltung gegenüber einem Menschen gebildet. Das ist einfach faschistisch.

Wie schätzt du die aktuelle (kultur)politische Situation aus deiner Perspektive ein?

Na ja, sehr erschreckend. Drastische Kürzungen im Kulturbereich sind direkte Folgen von Aufrüstung und der zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft. Am erschreckendsten ist dabei, dass diese Veränderungen bereits von einer vermeintlich „nur“ rechten Regierung durchgesetzt werden. Automatisch stellt sich die Frage: Was würde dann unter einer Regierung der AfD passieren?

Ich beantworte diese Fragen in der letzten Augustwoche, und die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht unmittelbar bevor. Ich halte es für extrem wichtig, nicht von den schlimmsten Szenarien auszugehen, bevor sie tatsächlich eingetreten sind. Trotzdem muss man damit rechnen, dass eine faschistische Regierung in diesem Bundesland durchaus wahrscheinlich ist. Ein Blick auf das Wahlprogramm macht deutlich, dass Kulturpolitik und insbesondere ihre Nationalisierung Teil der langen Liste von Dingen sind, die die AfD verändern will. Die Freiheit von Kunst und Wissenschaft ist zwar durch das Grundgesetz geschützt, die konkrete Ausgestaltung lässt jedoch viel politischen Spielraum. Kunst wird nicht einfach verboten werden, aber der Zugang zu Fördergeldern kann sich sehr schnell verändern. Gerade in solchen Momenten ist es deshalb extrem wichtig, solidarisch zu sein und Kulturorte in Sachsen-Anhalt zu unterstützen.

Es gibt bereits starke Initiativen wie „Wissenschaft gegen Faschismus“, durch die sich Studierende und Lehrende im Osten vernetzen. Davon braucht es mehr. Die Bundesländer müssen Kooperationen mit Spielstätten, Museen und anderen Kunst- und Kulturorten stärker fördern, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass diesen Einrichtungen in Sachsen-Anhalt künftig die Ressourcen fehlen könnten, um eigenständig Kunst und Kultur zu produzieren.

Man muss auch sagen, dass Deutschland bisher einer der besten Orte der Welt ist, um als Künstler*in zu arbeiten. Selbst jetzt ist es hier noch möglich, mit Kunst seinen Lebensunterhalt zu verdienen - etwas, das in vielen Teilen der Welt kaum vorstellbar ist. Natürlich ist das ein Privileg. Gleichzeitig sollte es selbstverständlich sein, dass Künstler*innen von ihrer Arbeit leben können. Damit will ich nicht sagen, dass wir deshalb nichts tun oder uns nicht darüber beschweren sollten, wenn Kunst in anderen Ländern nur als Hobby möglich ist und Menschen dafür sogar festgenommen oder getötet werden. Im Gegenteil: Gerade solche Beispiele zeigen uns sehr deutlich, was wir zu verlieren haben - und warum es notwendig ist, unsere Rechte jetzt stärker denn je zu verteidigen.

Wepsert-Schreibworkshop: EIN ENDE FINDEN

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