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Rezension zu „Parasiti“- Das Romandebut von Alisha Gamisch

Rezension zu „Parasiti“- Das Romandebut von Alisha Gamisch

Das Cover von Parasiti ©Voland&Quist

2026 ist es nach fünf Jahren Recherche und Schreiben erschienen: „Parasiti“ von Wepsert-Gründungsmitglied Alisha Gamisch. Ihr erster Roman. Und gleich auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet. Zu Recht. Denn er ist ausdrucks- und themenstark.
Maria Schmitter hat das Buch für Wepsert rezensiert.

Ein Roman über Familie. Denke ich. Über eine russlanddeutsche Familie. Denke ich. Postmigration, transgenerational Unausgesprochenes, das zu Verstrickungen und zur Erstarrung führt. Denke ich. Aber nicht lange, denn schon nach ein paar Seiten steht das Thema Abtreibung und die Pro-Life-Bewegung im familiären Raum und das Private wird nicht nur in seiner politischen Qualität deutlich, sondern auch das Politische in seiner körperlichen.

Drei Frauen leben

In „Parasiti“, Alisha Gamischs erstem Roman, geht es um Frauen – die Männer bleiben Nebenfiguren, Hindernisse, Beschwernisse und Auslöser. Es geht um Lydia, die als Russlanddeutsche mit ihrer Familie nach Novosibirsk deportiert wurde und um das Leben, das sie dort mit Sashka, ihrem Mann, ihrer Tochter Elvira, dem in die Familie gestolperten Kind Valli und dem Schwiegervater 1961 führt. Vor allem aber, die Kämpfe, die sie dort im Alltag führt. Und es geht um das Leben, das Lydia und Valli zwei Migrationen später, gemeinsam mit Lydias Enkelin Rina, 2021 im Münchner Vorort Fürstenfeldbruck führen.
Doch eigentlich ist es anders: 2021 ist Lydia verstummt. Valli, die gelernt hat die Stimmungen ihrer „Tante“ zu lesen und Rina beginnen daraufhin umso mehr zu sprechen. Rina will herausfinden, was ihre Großmutter hat verstummen lassen, was so unaussprechlich geworden ist.

Alisha Gamisch verhandelt anhand der Geschichte dieser drei Frauen, vor allem Lydias, große Themen, die mitten im ‘Alltag’ von Frauen stattfinden: Das Thema Reproduktion und Verhütung in der UdSSR, in der Abtreibungen legal und Verhütung nahezu unmöglich war. Das unentrinnbare Konglomerat aus sozialistischem Staat, Ehe und patriarchalen Anstandsvorstellungen. Die fehlende sexuelle Aufklärung, die fehlende sexuelle Selbstbestimmung. Das Modell der Abtreibung als Familienplanung, die es in verschiedenen sozialistischen Ländern gab – auch in China und Indien. Noch prekärer wird dieses Konglomerat für Lydia durch ihre Position als deportierte Russlanddeutsche. Und durch den Alkoholismus ihres Ehemannes Sashka, der eine Arbeit nach der anderen verliert. Das ist doppelt gefährlich ist in der UDSSR: es macht einen zu einem „Parasiten“ und es verunmöglicht das kleine Entkommen, das richtige Leben im Falschen z.B. in Form des Sparens für eine bessere Wohnung.

Solidaritäten in und jenseits von Familie

Im Verlauf des Romans schält Gamisch langsam, behutsam heraus, wie für Lydia in Novosibirsk Abtreibung der einzige Weg ist, doch noch ein lebbares Leben führen zu können. Sie begleitet, wie Lydia nach einer Abtreibung nicht nur dem eigenen Tod knapp entgeht, sondern auch den Tod ihrer Zimmernachbarin erlebt und danach erstmal als „Geist“ durch die Welt läuft. Auch Rina läuft 60 Jahre und zwei Generationen später schwindelig und in Angst schwanger zu sein durch Fürstenfeldbruck. Doch während Lydia in den strukturellen Tentakeln des Patriarchats gefangen ist, sind es bei Rina die emotionalen. So hält Rina „die Jeweiligen“, also ihre Sexualpartner auf Distanz, lässt sie nicht zu „Bleibenden“ werden, lässt sie sie nicht einnisten in ihrem Leben oder ihrer Gebärmutter.

Gamisch bleibt nicht bei diesem Schicksal und seinen transgenerationalen Wirkungen stehen. Denn es gibt Freundinnenschaft und Solidarität unter Frauen in Novosibirsk wie Fürstenfeldbruck. Frauen, die Tacheles miteinander reden, die über ihre gewaltgetränkte Normalität sprechen, die sich Tipps geben, wie sie sie überleben, die Freundinnenschaft und Fürsorge auch über mögliche Abstände hinweg aufrechterhalten. Die Freiheit steckt im Kleinen, im Geld verstecken, im Lästern über die Männer, im Zuhören. Und es gibt das familiär geteilte Leben unter Frauen, den familiären Alltag in Fürstenfeldbruck - er macht die Vergangenheit ertragbar. Ja, da gab es Schweigen und Dinge, die nicht gesagt und erzählt wurden. Und dennoch durchzieht den ganzen Roman eine Nähe, Wärme und ein Interesse zwischen den Protagonistinnen, die dies nicht in erster Linie zu einem Roman über transgenerationale Traumata macht, sondern zu einem Roman über die Solidarität zwischen Frauen in und jenseits von Familie.

Nicht nur das Thema „Abtreibung“ zentral zu setzen, sondern auch dieser Blick auf Frauenleben macht das Buch zutiefst feministisch.

schadenfrohe Sterne

Respektvoll und undramatisch beschreibt Gamisch dies alles. Die Bewegung der Frauen einer Familie als Bewegung von Frauen trotz und gegen staatliche Repressalien und Grenzen, trotz und gegen ihren Ausschluss als Andere, als „Russlanddeutsche“, trotz und gegen patriarchale Mechanismen. Trotz und gegen den Status „Parasiti“. Alisha Gamisch erzählt das alles nicht nur. Sie vermittelt es mit Bildern und Atmosphären. Etwa wenn Lydia sich darüber Gedanken macht, was ihrem Kind alles passieren könnte, wenn sie nicht genug auf es aufpasst. Dann werden durch diese Gedanken die Atmosphäre und das Leben in den Baracken von Novosibirsk 1961 greifbar. Wenn die Sterne am Himmel „schadenfroh“ sind, wenn sich die Wochen ergießen „wie das Wasser aus einem der Holzbottiche, mit dem sie zum Schöpfen auf den Hof ging“, wenn ein Blick „einen harten Abdruck in Lydias Rücken“ hinterlässt, dann wird nicht nur die lyrische Kraft der Autorin auch in ihrem Roman spürbar, dann wird auch die Macht des Raums deutlich. Denn „(v)ielleicht können Orte bessere Antworten geben als Menschen“.

verkörperte Nachwirkungen

Es ist ein paar Wochen her, dass ich „Parasiti“ gelesen habe. Mein Gradmesser dafür, wie sehr mich ein Roman beschäftigt hat. In der Zwischenzeit habe ich andere Bücher gelesen. Romane und Sachbücher. „Parasiti“ hat sich in mir festgesetzt. Nein, nicht parasitär. Eher orientierend, verbindend. Dadurch, dass die Verwobenheit der drei Generationen im Roman um das Thema Abtreibung entsteht, habe ich über die abtreibungsbasierte Verwobenheit von Frauen* nachgedacht. Über die Freiheit und die Macht, die im Thema „Abtreibung“ steckt – die Freiheit über das eigene Leben und die Macht von Gesellschaften und Staaten, die sich weigern, Abtreibungen geschützt, sicher und würdevoll zu ermöglichen. Die Geschichte von Lydia, Elvira, Valli und Rina hat mir das Thema nicht nur nahgebracht. Durch die zutiefst körperlichen Bilder in „Parasiti“, ist das Thema in meinen Körper gekommen. Lydia, Elvira, Valli und Rina ver-körperten es mir. Und das bedeutet: Alisha Gamisch hat es geschafft, eine Sprache zu finden, die nicht nur eine Geschichte erzählt. Sie hat es geschafft, eine Sprache zu finden, die ins Fühlen bringt.


Alisha Gamisch ist eine der Mitbegründerinnen von Wepsert. 2020 erschien ihr Gedichtband Lustdorf beim Verlagshaus Berlin. Seit 2024 Co-Kuratorin der Reihe PostOst-Café gemeinsam mit Ani Menua, gründete sie 2025 mit den Autor*innen Paula Fürstenberg und Raphaëlle Red die literarische Girlband No Scribes, mit der sie immer noch auf Tour geht. Im Frühjahr 2026 erschien ihr Romandebut Parasiti.




Portrait der Autorin ©Suzanne de Carrasco


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