Die Mauer ist uns auf den Kopf gefallen. Interview mit der Regisseurin Diane Izabiliza

Die Mauer ist uns auf den Kopf gefallen. Interview mit der Regisseurin Diane Izabiliza

Der Mauerfall feiert dieses Jahr 30-jähriges Jubiläum. Wenn wir von ihm hören oder erzählen, bleiben die Geschichten vieler Minderheiten oft unberücksichtigt. Diane Izabiliza beschäftigt sich seit Jahren mit diesen ungehörten Perspektiven und hat einen Film gedreht, der das vorherrschende Narrativ der glücklichen Wiedervereinigung grundlegend hinterfragt. Seit letzter Woche könnt ihr den Film „Die Mauer ist uns auf den Kopf gefallen“ auch online ansehen. Wepsert-Crew Member Alisha Gamisch hat Diane getroffen und mit ihr über den Film und auch ihre persönlichen Erfahrungen zur Wende gesprochen.

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Kannst du dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Diane Izabiliza, ich bin gelernte Erzieherin und mache gerade meinen Master in Soziokulturelle Studien. Außerdem bin ich Filmemacherin und Lehrbeauftragte an der Alice Salomon Hochschule für Diversity Studies.

Du hast letztes Jahr den Film „Die Mauer ist uns auf den Kopf gefallen“ fertiggestellt. Der Film beschäftigt sich „mit der Frage, wie Feministinnen of Color den politischen Wandel nach 1989 erlebten, welche Bedeutung die deutsche Wiedervereinigung für sie hatte und welche Auswirkungen der anschließende Anstieg rassistischer Gewalt zeigte.“ Wie kam es zu diesem Projekt?

Der Film ist im Rahmen eines Praxisforschungsprojekts entstanden. Wir haben damals mit dem Projekt „Erinnerungsorte – vergessene und verwobene Geschichten“ angefangen, das an zwei Hochschulen angegliedert ist, der Alice Salomon Hochschule und der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Uns ging es darum, marginalisierte, rassifizierte Geschichten, die an konkreten Berliner Orten stattgefunden haben und wirklich unterschiedliche Communities bewegt haben, aufzuzeigen. Und wir haben das alles auf einer Webseite gebündelt und anhand von drei Kategorien unterteilt: Touren, Menschen und Themen, und die dann miteinander verbunden.

Bei den Recherchen ist uns aufgefallen, dass es unglaublich frustrierend ist, wenn man historisch nach Menschen und vor allem Frauen of Colour sucht. Man kommt irgendwann an einen Punkt, wo die Spuren sich verlaufen, man findet vielleicht einen Namen heraus und eine Berufsbezeichnung aber mehr erfährt man über die Person nicht. Da merkt man, dass Rassismus und Sexismus so ineinander greifen, dass diese Geschichten einfach nicht weitererzählt werden, dass sie unsichtbar gemacht werden. Das gilt für Männer auch, aber bei Frauen und Personen, die nicht im binären Spektrum als Mann-Frau verortbar sind, ist es besonders auffällig, wie schwer es ist, Geschichten zu erfahren und an konkreten Menschen festzumachen.

Dann haben wir uns überlegt wie wir damit umgehen sollen. Wir haben das letztlich so gemacht, dass wir die Leerstellen sichtbar gemacht haben auf der Webseite, aber wir wollten es natürlich nicht dabei belassen und nicht nur männlich sozialisierte Personen porträtieren, sondern haben uns überlegt wie wir an Geschichten von Frauen of Colour herankommen können, die zugänglich sind, weil die Personen noch leben. Meine Chefin, die Professorin Iman Attia hat mich auf ein Projekt aufmerksam gemacht, das „NOZIZWE - Multikulturelles Bildungsprojekt“ genannt wurde und das sich 1990 gegründet hat. Zu den beteiligten Frauen gehörten aber auch viele, die in anderen Projekten/Initiativen aktiv waren.

© Diane Izabiliza    Vergessene Geschichten - Fotos aus der Zeit des Mauerfalls

© Diane Izabiliza

Vergessene Geschichten - Fotos aus der Zeit des Mauerfalls

Es war einzigartig damals, weil die Stadt Berlin es finanziell unterstützt hat, mit Geldern für Räumlichkeiten und Einstellungen und so. Da waren Frauen of Color aber auch weiße Frauen, also weiße jüdische Frauen, zusammen und haben verschiedene Projekte miteinander gemacht. Ich bin also mit meiner Kollegin Iman Al Nasre losgezogen und habe diese Frauen gesucht. Wir hatten ein paar Kontakte von unserer Chefin und haben mit den ersten Vorgesprächen angefangen und mit den Frauen, die wir auffinden konnten, gesprochen. In all diesen Erzählungen haben wir bemerkt, dass die Wendezeit kurz vor und während des Mauerfalls für alle ein sehr einschneidendes Erlebnis war. Und deswegen haben wir uns dann entschieden einen Film darüber zu machen. Wir wollten auf der Webseite auch unterschiedliche Medien haben, damit wir unterschiedliche Menschen ansprechen, vielleicht auch Menschen, die nicht lesen können, oder lieber etwas anschauen. Wir hatten viele Frauen mit denen wir auch nicht sprechen konnten, weil die natürlich alle viel zu tun haben, also sind auch die Frauen, die im Film vorkommen nur eine kleine Auswahl.

Wann habt ihr angefangen zu drehen?

Wir haben 2016 angefangen zu drehen und im September 2018 ist der Film fertig geworden.

Was war dir bei der Auswahl der Frauen und während dem Drehen wichtig?

Uns war es wichtig, unterschiedliche Perspektiven zu beleuchten und unterschiedlich positionierte Menschen zu fragen, ob sie Lust haben mit uns zusammenzuarbeiten und ihre Geschichte zu erzählen. Wir wollten auch nicht nur westlich sozialisierte Frauen haben, sondern auch im Osten sozialisierte, denn das wird ja gerne mal unter den Teppich gekehrt, dass es auch relevant ist auf welcher Seite man aufgewachsen ist.

Zum Dreh: Wir haben zu dritt angefangen, mit Iman Al Nassre und Elif Küçük, wir sind alle Frauen of Colour und alle in etwa im selben Alter, und wir hatten ein bisschen Erfahrung mit dem Medium Film, aber waren relativ neu in diesem Gebiet, Elif ist Autodidaktin und ich habe mich auch selbst reingearbeitet, u.a. durch die Medienwerkstatt an der ASH, also das Medium Film war noch ziemliches Neuland für uns. Wir wollten, dass wir uns wohlfühlen, aber auch, dass die Frauen sich wohlfühlen, weil das ja schon einschüchternd sein kann, plötzlich drei Kameras auf sich gerichtet zu haben. Es sollte allen klar sein, worum es uns geht und was mit dem Produkt passieren wird, wir wollten voll transparent sein. Und wir haben uns auch alle schon mit Rassismus und Sexismus auseinandergesetzt, das heißt waren dahingehend sensibilisiert und haben die Frauen als Expertinnen gesehen. Es ging uns nicht darum die Geschichten abzugreifen und zu labeln.

Ja, die Atmosphäre im Film wirkt, finde ich, sehr angenehm, wie die Frauen um den Küchentisch sitzen und die Gespräche natürlich fließen können und zwischendurch auch ausgelassen und lustig werden, während sie sich erinnern. Also das zeigt doch, dass euer Anliegen gut funktioniert hat. Das waren auch meine Lieblingsmomente im Film, wenn die Stimmung am Tisch plötzlich sehr humorvoll wurde. Hast du auch Lieblingsmomente?

Es gab unglaublich viele schöne Szenen, an die ich mich gerne erinnere. Alleine die Frauen zu treffen und kennenzulernen, es war schön mit ihnen zusammenzusitzen und zu merken, dass da ein Vertrauen da ist, dass da eine Lust da ist, mit uns ihre Geschichten zu teilen, ihr Wissen zu teilen, und dass sie sich gefreut haben, dass da überaupt jemand nachfragt. Es gab viele Parallelen, zwischen dem, was sie Ende der Achtziger Jahre, Anfang der neunziger erlebt und gemacht haben, zu dem was wir hier heute in unserer politischen Arbeit erleben und machen. Da war viel Nicken, ja kennen wir auch, verstehen wir, also das war sowohl auf der fachlichen als auch auf der persönlichen Ebene unglaublich schön.

Und es gab einen Moment, da hat Nasrin Bassari über ihr Buch „Nicht ohne die Schleier des Vorurteils“ gesprochen, in dem sie sich auf das Buch von Betti Mahmoody „Nicht ohne meine Tochter“ bezieht, das damals mega erfolgreich war und das wir alle drei Filmemacherinnen damals als 12/13-Jährige gelesen haben. Es hat uns ziemlich verstört, weil es sehr starke Stereotype reproduziert und wir uns unwohl damit gefühlt haben. Wir hatten aber kein Wissen und keine Sprache darüber, was Rassismus und was Sexismus ist und wie das ineinandergreift. Es war sehr schön zu sehen wie Nassrin aufgezeigt hat, wie dieses Buch Rassismus reproduziert und dass es eine sehr einseitige Darstellung vom Iran ist. Sie hat uns auch ihr Buch geschenkt und uns ein Autogramm gegeben und das war sehr schön, ich hab mir dabei gewünscht, ich hätte damals schon gewusst, dass es diese Frauen und auch diese Perspektiven gibt.

© Diane Izabiliza   Nasrin Bassiri, Lucía Muriel und Nivedita Prasad am Küchentisch

© Diane Izabiliza

Nasrin Bassiri, Lucía Muriel und Nivedita Prasad am Küchentisch

Das fand ich auch am spannendsten in deinem Film. Für mich, als in Bayern sozialisierte weiße Frau, war es sehr erhellend zu sehen, wie das Narrativ des glücklichen Mauerfalls durch die Erzählungen der Frauen dekonstruiert wird, also, dass es eben nicht für alle positive Auswirkungen hatte und für viele PoCs und schwarze Menschen, vor allem auch Frauen, extreme Bedrohungen nach sich gezogen hat. Stichwort: rassistische Ausschreitungen Anfang der 90er Jahre. Das ganze Ausmaß wird richtig bewusst, wenn es aus Sicht der betroffenen Frauen erzählt wird. Das habe ich so zum ersten Mal in deinem Film gesehen. Welche dieser Erzählungen, Aussagen, Erfahrungen fandest du am spannendsten?

Besonders interessant fand ich es, als wir Nivedita Prasad gefragt haben, warum sie sich entschieden hat mit uns zu sprechen, denn alle Frauen haben das ja in ihrer Freizeit gemacht. Und sie hat gesagt, dass sie die Webseite und unsere Arbeit kannte, und sie fand es gut, wie wir uns dort klar positioniert haben, dass eine Transparenz da war, dass es klar war, wer wir sind und was wir machen. Aber auch, dass der Film dann uns gehört. Sie fand es wichtig, dass wir die Rechte eben nicht an andere weitergeben oder sie nicht weiß was da letztlich mit passiert. Das machte auch viel aus, inwieweit die Frauen bereit waren, so viel von sich zu erzählen.

Ich finde, es ist ja auch selten, dass man einen Ausstausch zwischen jüngeren und älteren Feministinnen hat. Und ich erinnere mich, dass Nivedita Prasad beim Screening gesagt hat, dass das für sie noch ein Beweggrund war, beim Film mitzumachen, dass so ein Austausch wichtig ist zwischen den Frauengenerationen. Für unsere Generation ist der Mauerfall ja vor allem eine Erzählung und nichts selbst Erlebtes. Kannst du mir erzählen wie deine persönliche Beziehung zum Mauerfall aussieht?

So ein bisschen wie bei dir. Ich bin auch in Bayern aufgewachsen, es war für mich erstmal etwas, das ich aus Schulbüchern kannte. Die Bilder waren wenige und alle auch irgendwie auswechselbar, das Narrativ war extrem einseitig...

Strahlende Gesichter, dass alle glücklich waren über die Vereinigung und der Osten quasi befreit wurde, vom schweren Los.

Ja. Und ich hab jetzt erst im Nachhinein und auch bei der Recherche erfahren, dass es auch in meiner Familie andere Geschichten dazu gibt, und da hab ich erst gemerkt, dass ich wirklich sehr westlich sozialisiert bin, dass natürlich nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen war und alle sich gefreut haben, dass die Mauer gefallen ist. Es war nunmal auch so, dass Leute ausreisen mussten, dass Leute ihre Existenz verloren haben und dass von heute auf morgen gesagt wurde: das was ihr die letzten Jahre gelernt und gemacht habt, das zählt nichts, das ist nichts wert. Und was das mit Leben macht. Dass einem gesagt wird: und jetzt assimiliert euch, dann könnt ihr teilhaben und dann ist gut. Es gab keine Auseinandersetzung damit, was eigentlich in Ostdeutschland passiert ist…die Message war: der Kapitalismus ist supergeil und alles andere könnt ihr vergessen.

Und das Interessante ist, dass es zum einen so in der Schule erzählt wurde, aber dass natürlich die Städte in Deutschland, in denen viele schlimme Dinge passiert sind, also Solingen und so weiter, schon in meiner Familie thematisiert wurden und ich das als Kind auch mitbekommen habe, aber nicht im vollen Kontext, ich war einfach noch zu klein.

Gab es auch Herausforderungen oder Schwierigkeiten für dich, diesen Film zu drehen?

Wir hatten mit dem Projekt der Webseite angefangen und am Anfang war es noch relativ klein und überschaubar und dann wurde es größer und anspruchsvoller. Als es offiziell abgeschlossen war, waren die Gelder auch nicht mehr da. Zu schauen, dass es irgendwie weitergeht und weiterfinanziert wird, neben meinem Job und der Bachelorarbeit, das war unglaublich herausfordernd und zwischendurch auch frustrierend. Aber dafür weiß ich jetzt, wie das alles läuft. Ich mache jetzt einen neuen Film und ich weiß einfach schon mit wem ich arbeiten kann und wo ich Gelder beantragen kann.

© Diane Izabiliza   Katja Kinder und Peggy Piesche

© Diane Izabiliza

Katja Kinder und Peggy Piesche

Wie ist die Resonanz auf den Film bislang?

Mir ist es wichtig, dass der Film nichts wird, was in der Schublade Staub sammelt, deshalb wird er auch auf die Webseite hochgeladen, und ich verleihe den Film, damit er auch ein bisschen weg von der Uni kommt. Ich denke, wenn er einmal auf der Webseite ist und ich ihn über meine Netzwerke verbreiten kann, dass er auch noch weiter Anklang findet. Bislang war die Rückmeldung sehr positiv, gerade im Kontext 30 Jahre Mauerfall, ist es ein gefragter Film und das freut mich natürlich. Und ich erinnere mich an ein Screening, da war die Tochter von einer Interviewten dabei und sie hat gesagt, dass es für sie sehr schön war zu sehen, dass die Geschichten, die ihre Mutter ihr immer erzählt, nicht nur ihrer Mutter so passiert sind, sondern, dass es vielen Leuten in der Zeit so erlebt haben, also dass es nicht nur eine individuelle Geschichte ist.

Ja, das ist schön und es zeigt ja auch die Wichtigkeit des Films und dass es so was noch nicht so oft gibt.

Und eine Rückmeldung ist auch oft, wenn wir den Film zeigen, dass die Leute sagen: Ja interessant, wichtiges Dokument, aber kann man nicht auch noch das oder jenes machen, also z.B. mit Arbeiter*innen, noch mehr Ostddeutschen usw. Und das macht den Bedarf sichtbar. Also es gibt einfach noch nicht viel, das diese Perspektiven ins Zentrum stellt und nicht nur am Rande noch überlegt wird, so jetzt fragen wir noch eine Person of Color, die dann erzählt wie schlimm das Leiden war, sondern diese Perspektiven ganzheitlich ins Zentrum stellt: was hast du erlebt, was hast du gemacht, wie hat dich diese Zeit geprägt, woran denkst du wenn du an diese Zeit denkst. Und das ist mir echt wichtig, dass es nicht darum geht, nur Leid darzustellen.

Du hast vorhin erwähnt, dass du schon ein neues Filmprojekt hast. Möchtest du uns ein bisschen was dazu erzählen?

Es wird ein Film mit vier Wissenschaftlerinnen, die über die Verflechtung von Rassismus und Sprache sprechen. Also Sprache als Handlungsraum, als etwas, das in einem bestimmten Kontext entsteht und Auswirkungen auf das Leben hat und das alles aus einer rassismuskritischen Sicht.

Klingt spannend! Wir freuen uns drauf und danke dir für das Interview.

Das Interview wurde geführt von Alisha Gamisch.

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