Where Women Are Running the Show: Fanfiction & Feminismus

Where Women Are Running the Show: Fanfiction & Feminismus

… in fanfiction, women are largely running the show.
— Anne Jamison in “Fic – Why Fanfiction Is Taking Over the World”

Kirk und Spock, Xena und Gabriela, Scully und Mulder, Sherlock und Watson, Draco und Harry,… sie werden gepairt, geshippt, beflailt (Worterklärungen s.u.), verpflanzt in unbekannte Settings (Hello, coffee shop AU!), kämpfen sich durch elaborierte Cross-Over-Plots (Sherlock-Potter-Mashup, anyone?) oder finden sich wieder in utopischen Welten mit neuen biologischen Gegebenheiten und Möglichkeiten (…die pregnancy cravings des Dr. Watson, why not?) – Welcome to the world of fanfiction! Willkommen in einer Welt, in der Frauen und Queers das Heft in der Hand haben.

Das Schreiben und Lesen von Fanfiction, also Texten, deren Handlung sich in einem bereits existierenden Universum – einer TV-Serie, eines Films, Comics, Computerspiels, Buches – abspielt, ist tatsächlich größtenteils weiblich geprägt. Aus Nutzerumfragen der größten Fanfiction-Plattformen Archive of Our Own (AO3) und FanFiction.net geht regelmäßig hervor, dass sich die Mehrzahl der User*innen als weiblich (ca. 78-80%) oder gender-queer (als jeweils zweitstärkste Gruppe) identifiziert.

Was genau macht diesen Sektor so attraktiv für nicht-männliche Personen? Oder anders gefragt: Was leistet Fanfiction aus feministischer Sicht, das Mainstream Media nicht kann?

Repräsentation

Der Bereich der Fanfiction-Online-Communities stellt eine Art Parallelwelt zur männlich dominierten Mainstream-Medienlandschaft dar, die mit ihren Inhalten und Perspektiven eher die Gewohnheiten und Bedürfnissen des male gaze bedienen. Erst kürzlich war der Rowohlt-Verlag in der Kritik als bekannt wurde, dass 90 % des kommenden Herbst/Winter-Programmes aus Titeln von Männern bestehen. Frauen und nicht-binäre Personen haben in traditionellen Medien nicht den gleichen Zugang zur Öffentlichkeit, nicht das gleiche Standing und die gleiche Sichtbarkeit wie ihre männlichen Kollegen. In ihren Online-Nischen haben sie dagegen die Möglichkeit, abseits von kommerziellem Interesse (was natürlich Vor- und Nachteile mit sich bringt) Texte uneingeschränkt aus ihrer Sicht zu gestalten, als Autor*innen sichtbar zu werden und adäquatere Repräsentationen ihrer Lebenswelt zu schaffen, in denen sie in ihrer Weiblichkeit und Queerness nicht bloß als Schauobjekte oder plot devices dienen.

Identifikationspotenzial

Damit lässt sich bereits einer der großen Mehrwerte fassen, den Fanfiction aus feministischer Sicht neben der bloßen Unterhaltung und kreativen Beschäftigung für weibliche und gender-queere Leser*innen und Autor*innen mit sich bringt. Gerade im Bereich der erotischen Fanfiction – nicht alle Fanfiction ist explizit erotisch! – zeichnen sich die Darstellungen von Sexualität und sexuellen Vorlieben durch einen weiblichen Blick aus und treffen dadurch im Vergleich zur Mainstream-Pornografie eher den Geschmack einer nicht-männlichen Zielgruppe und bieten dieser ein viel größeres Identifikationspotenzial.

Über ein Tagging-System, das die meisten User*innen auf AO3 und Co. verwenden, lässt es sich außerdem sicherer und innerhalb der eigenen Komfortzone durch das riesige Angebot an erotischen Texten navigieren. Dank Trigger- und Content-Warnungen läuft man weniger Gefahr, zum Beispiel von Darstellungen misogyner Gewalt oder Vergewaltigungen überfallen zu werden – eine Rücksichtsmaßnahme, auf die das Abendprogramm im Free-TV schulterzuckend pfeift.

Aufklärungsarbeit

Tags und Ratings und das damit einhergehende Ordnungssystem ermöglichen es Fanfiction-Portalen, auch einen Beitrag zur Aufklärungsarbeit zu leisten, indem sie ein Archiv diversester sexueller Spielarten bilden, die sich in einem urteilsfreien Raum erkunden lassen. Natürlich ersetzt Fanfiction keine Sexualkunde und es ist auch definitiv nicht empfehlenswert, sich allein durch Fanfics sexuell aufklären lassen zu wollen, aber an dem Punkt, an dem faktische Sex-Ed aufhört, liefern Fanfic-Portale einen illustrativen Beitrag, in dem sich gerade jüngere und queere Leser*innen wohler fühlen mit ihrer Neugier und ihren praktischen Fragen als bei anderen Aufklärungsinstanzen. O-Ton von einem Fan-Treffen: „Ich habe in Sachen Sex mehr von Mulder-Scully-Romance-Fics gelernt, als von Bravo und allen meinen Bio-Lehrern zusammen!“

Communities als Support-Systeme

Vor allem für queere Jugendliche sind Fandom- und Fanfiction-Communities eher eine Anlaufstelle, an die sie sich mit ihren Fragen wenden, als ihre Bezugspersonen (sofern vorhanden…) im realen Leben. Hier spielt die Vorstellung der found family eine zentrale Rolle: Eine Fandom-Community sucht man sich im Gegensatz zu einer biologischen Familie selbst aus. Die Fannibal Family beispielsweise trägt diese Vorstellung bereits im Namen: Ursprünglich über die gemeinsame Liebe zur TV-Serie „Hannibal“ zusammengekommen, hat sich eine sehr lebendige, eng gestrickte Gemeinschaft gebildet. Aus ihr geht nicht nur kontinuierlich Fanfiction und Fanart hervor (zum Teil individuell, zum Teil organisiert durch Fandom-interne Projekte wie Hannibal Creative oder LoveCrimeBooks), sondern sie hat über die kreative Fan-Arbeit hinaus auch ein internationales Support-System für „Familienmitglieder“ in Notsituationen gegründet und engagiert sich Fandom-extern für soziale Belange wie den Welt-Enzephalitis-Tag. Das Credo „It’s fine to be weird“ spricht wie kein anderes Zitat der Serie für den Inklusionscharakter ihres Fandoms.

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Sensibilisierung

Analog zur Aufklärungsarbeit können Fandom-Communities und Fanfiction als virtuelle Begegnungsorte einen Beitrag zur Sensibilisierung und Awareness für diverse politische und soziale Themen leisten. Die Amtseinführung Trumps hat Leute aus der deutschen Hannibal-Community tausendmal schlimmer getroffen, als sie es getan hätte, hätten sie nicht live die Ängste und Betroffenheit ihrer amerikanischen AO3-, Twitter- und Tumblr-Freunde erlebt, denen klar war, dass sie als POC, Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund und/oder als Mitglieder der LGBTQ-Community die Auswirkungen der regressiven, hassbefeuerten Politik Trumps direkt zu spüren bekommen werden.

Aktivismus

In einem weiteren Schritt bietet Fandom-Communities durch ihre Demographie und Infrastruktur einen effektiven Ausgangspunkt für politischen Aktivismus. Als direkte Reaktion auf die Präsidentschaft Trumps wurden von User*Innen aus den Sherlock- und Supernatural-Fandoms in 2016 die „Fandom Trumps Hate“-Auktionen ins Leben gerufen, im Rahmen derer Fan-Autor*innen und Fan-Künstler*innen ihre Arbeiten jährlich zu Gunsten progressiver gemeinnütziger Organisationen versteigern.

Gedankenexperimente

Fanfiction ist wie jede Fiktion außerdem ein Ort, an dem utopische Gedankenexperimente möglich sind und spielerisch durchexerziert und weitergedacht werden. In einem fast schon subversiven Gestus greift sie dabei Fragen zur Gender-Identität, Geschlechterrollen, Determinismus und sexueller Selbstbestimmung auf. Die eingangs erwähnte Schwangerschaft eines männlichen Protagonisten beispielsweise, die außerhalb gewisser Transgender-Konstellationen heute biologisch eigentlich (noch) nicht möglich ist, wird im Rahmen von mpreg-Fics oder im A/B/O-Verse durchgespielt.

A/B/O- oder Omegaverse bezeichnet einen beliebten, aber umstrittenen Fanfiction-Topos, bei dem in Anlehnung an die hierarchische Struktur von Wolfsrudeln alle Figuren aufgrund ihrer Anatomie und einer fest definierten biologischen Rolle in einem Machtsystem eine bestimmte Funktion erfüllen. Vereinfacht gesagt: Alphas, an der Spitze der Hierarchie, sind dominante Männchen, die sich unterwürfige Omegas, die sowohl weiblich als auch männlich sein können, als Partner nehmen und ihnen im Zuge ihrer reproduktiven Pflicht ihren sexuellen Willen aufzwängen, denen sich Omegas aufgrund ihrer biologischen Gegebenheiten nicht entziehen können.

Die Vorwürfe, mit diesem Topos patriarchale rape culture und toxische Heteronormativität zu befördern, kommen angesichts dieser Prämissen nicht von Ungefähr, gerade wenn Autor*innen in ihren Stories unreflektiert und fetischisierend mit dem Verse umgehen. Andererseits bietet eben diese krasse Überzeichnung von Rollenverhältnissen das Potenzial, auf reale Probleme in Sachen Geschlechteridentität, -rollenverteilung, -unterdrückung aufmerksam zu machen und diese gesellschaftlich aufzuarbeiten, wie Tumblr-User*in lierdumoa in einem Kommentar zu A/B/O andeutet.

Diskurs

Fandom und Fanfiction Kultur ist für alle, die in den Mainstream Medien mit ihren wirklichen Problemen unterrepräsentiert sind, ein wertvoller Ort des sehr regen, bisweilen auch etwas schrillen, nicht selten unglaublich witzigen und selbst-ironischen, und oftmals auch äußerst reflektierten Diskurses. Gerade weil dort eben nicht nur happy-go-lucky Eskapismus betrieben und kreative Arbeit beim Schreiben der Texte geleistet wird, sondern auch ihre Entstehungsbedingungen, Prämissen und Hintergründe kritisch betrachtet werden.


Worterklärungen

pairing: Figurenpaar, das in einer Geschichte in einer Beziehung zueinander dargestellt wird. Als Slash-Pairing auch in gleichgeschlechtlichen, erotischen Beziehungen. Oft werden die Namen der Figuren in Portemanteaus gefasst, z.B. John Watson und Sherlock Holmes wird zu „Johnlock“ verkürzt; Hannibal Lecter und Will Graham zu „Hannigram“. Als pairing (Verb) wird auch das Zusammenführen zweier Figuren zu einem Paar durch Fans bezeichnet.

shipping: Vom englischen relationship (Beziehung) wird die begeisterte Unterstützung eines Figurenpaares in seiner Beziehung bezeichnet.

flailing: to flail, engl. – mit den Armen um sich schlagen; bezeichnet das begeisterte, obsessive, überschwängliche Reden über Fandom-Inhalte.

AU: Alternate Universe, engl. – alternatives Universum. Texte, in denen die Figuren in eine Parallelwelt versetzt werden. Dabei sind sie noch als die Charaktere des Originals erkennbar, andere Faktoren können aber völlig verändert werden. Zum Beispiel werden Jobs (Hannibal Lecter als Barista), Zeiten (Sherlock Holmes in der heutigen Zeit) oder Alter (Marvel-Helden als Teenager) variiert, aber es können auch ganze Handlungen in eine Fantasy-Welt übertragen werden, in der z.B. alle Charaktere Vampire sind, obwohl sie es im Original nicht waren.

mpreg: male pregnancy, engl. – männliche Schwangerschaft. Mpreg-Texte sind eine Art von AU, in dem männliche Protagonisten schwanger werden können.

verse: verkürzt für universe, engl. – Universum. Bezeichnet, die Welt, in der eine Story spielt.


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