Lesetipp: Hautfreundin - eine sexuelle Biografie

Lesetipp: Hautfreundin - eine sexuelle Biografie

Ein promiskuitiver Lebensentwurf, der sich den Labels „verrucht” oder „moralisch fragwürdig” entzieht - darum geht es in Doris Anselms neuem Roman Hautfreundin - eine sexuelle Biografie. Wepsert war am Dienstag auf der Release-Lesung in Berlin und ist ohne den Roman komplett gelesen zu haben, schon jetzt großer Fan.

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Nach einem Kurzgeschichtenband hat Doris Anselm nun diesen Roman veröffentlicht, der „die heterosexuell selbstbewusste Protagonistin von heute” ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, eine Figur, die laut Autorin immer noch selten in der Gegenwartsliteratur zu finden ist. Andere Blickwinkel, zum Beispiel queere, findet die Autorin auch wichtig, sie wolle diese aber nicht aus Sicht einer „Touristin” ausschlachten, sondern lieber denjenigen überlassen, die aus eigener Erfahrung berichten können.

Mit einem genauen, weichen Blick, einer ungezwungenen Sprache und viel Humor, erzählen die Ausschnitte des Romans, die Anselm auf der Release-Lesung mit angenehmer Stimme vorträgt, aus dem Leben einer modernen Heldin, ihren Sicherheiten und Unsicherheiten im Versuch, ein selbstbestimmtes Liebesleben zu führen. Es handelt sich um einen weiblichen Lebensentwurf, der trotz sexueller Revolution und jahrzehntelangem feministischen Kampf immer noch nicht gesellschaftlich normalisiert ist.

Im Gespräch mit Friedemann Karig erzählt Anselm, dass es ihr auch um Männer- und Frauenbilder geht. Wer begibt sich in die riskante Situation, die begehrte Person anzusprechen und eine sexuelle Begegnung einzuleiten? Laut Anselm wird immer noch erwartet, dass die Männer den ersten Schritt machen müssen. Dadurch sind sie es, die das Risiko eingehen, zurückgewiesen zu werden. Weil ihr Part gesellschaftlich normalisiert ist, lernen sie aber meist früh damit umzugehen. Für Frauen ist das in vielen Fällen immer noch Neuland und eine Zurückweisung gegebenenfalls schwer wegzustecken, weil eine Ablehnung das Ego stark ankratzt. „Das müssen Frauen auch lernen,” - so Anselm. Dazu kommt, dass wir den sexuell promiskuitiven Mann, der nicht verheiratet oder monogam gebunden lebt, viel eher gewohnt sind, als die weibliche Entsprechung.

Die Protagonistin des Romans scheut das Risiko der Zurückweisung nicht und geht selbstbewusst auf ihre potentiellen Sexualpartner zu. In Zeiten von #metoo und der Pluralisierung von Lebensentwürfen ist es an der Zeit für so eine Figur. Sie zeigt, dass positive sexuelle Begegnungen möglich sind, ohne dass eine der beiden Parteien darunter leidet, auch wenn es danach nicht zu einer monogamen Langzeitbeziehung kommt. Dass bei promiskuitivem Verhalten auch Leute verletzt werden können ist klar, aber Anselm macht deutlich: das muss nicht so sein. Es erfordert nur eben einen neuen Umgang miteinander und auch eine sex-positive Sichtweise.

Der „Dandy” ist eine bekannte Figur in der Literatur, die weibliche Entsprechung wäre vielleicht der „Vamp”, allerdings mit viel größerer Fallhöhe und meist mit höchst verwerflichem Touch. Eine Figur, die promiskuitiv lebt und dabei verletzlich und respektvoll mit ihren Partnern bleibt, ist bislang noch schwer zu finden. Das hängt auch mit unserer Sicht auf Menschen zusammen, die nicht das klassische Beziehungsmodell leben und häufig dafür bemitleidet oder sogar moralisch verurteilt werden. Doris Anselms Roman verspricht, genau dies zu hinterfragen und einen Lebensentwurf zu verhandeln, der häufig entweder tabuisiert oder skandalisiert wird.

Auch über die Männerbilder im Roman wird auf der Lesung gesprochen. Anselm erzählt, dass sie in ihren männlichen Figuren diejenigen Begegnungen aufzeigen will, die sich nicht durch missbräuchliche Verhaltensweisen auszeichnen. Sie habe versucht, das Begehren zwischen Mann und Frau neu darzustellen, als Begehren, das sich von bekannten Machtdichotomien löst und sich traut, die männliche überpotente Sexualität zu entmystifizieren.

Wir finden es wahnsinnig mutig, wie die Autorin dieses Thema angeht und mit was für einer sympathischen, unaufgeregten und offenen Art sie ihren Roman präsentiert. Wir sind inspiriert und freuen uns schon aufs Lesen!

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