Wepsert auf Tagung: Die Feminismen 4.0 in Tutzing

Wepsert auf Tagung: Die Feminismen 4.0 in Tutzing

Sonnenschein und Brunnen mit weiblichen Figuren, die ihre Brüste in die Hand nehmen. Einer der Innenhöfe der Evangelischen Akademie in Tutzing.

Sonnenschein und Brunnen mit weiblichen Figuren, die ihre Brüste in die Hand nehmen. Einer der Innenhöfe der Evangelischen Akademie in Tutzing.

Ich reise mit der S-Bahn von München an. Durch das verschlafene Tutzing am Starnberger See eilt ein Mann in meinem Alter, seine langen Haare im wehenden Pferdeschwanz. Langhaariger Mann? Aha, also hier lang zur feministischen Tagung. Direkt am Wasser gelegen, mit gepflegter Parkanlage, glitzerndem Wasser und den schönen alten Gebäuden der Evangelischen Akademie fand die Tagung an einem extrem schicken Ort statt. Auch die Tagungsräume - der Großteil der Veranstaltung fand im runden Saal mit kreisförmig gestuften Sitzen statt - lösten spontane Begeisterung aus. Eine Sitzordnung, die zum Austausch einlädt - und dass das funktionierte, sollte sich zeigen!

Die Tagung Feminismen 4.0 gliederte sich in drei große Blöcke, den ersten zu Netzfeminismus, gefolgt von Vorträgen zur Arbeitswelt, der dritte, am zweiten Tag der Tagung, widmete sich dem Thema Gender in der Informationsgesellschaft, an den vier parallele Workshops anschlossen.

Feministisch online - was ist toll, was nicht so, und was gibt es zu tun?

Auftakt zum Block Netzfeminismus gab ein Gespräch zwischen der Münchner Feministin Barbara Streidl, die u. A. den Lila Podcast macht und Mädchenmannschaft mitgründete, der Referentin für feministische Netzpolitik im Gunda-Werner-Institut Francesca Schmidt und Dr. des. Franziska Schutzbach, einer Geschlechterforscherin und Soziologin und Buchautorin, die den Hashtag #schweizeraufschrei mit ins Rollen brachte.

Die zur Arbeit im Netz nötige, aber auch durch direktes Feedback online entstehende Kraft kam bereits zu Beginn des Podiums zur Sprache, später auch unter dem Schlagwort Feminist Burnout. Das Thema ploppte nicht überraschend auf, denn schließlich bestritten das Gespräch drei Frauen, die bereits einiges für die Sache geleistet haben. Ermüdend und kraftraubend wurde vor allem wahrgenommmen, dass zyklisch immer wieder die gleichen Themen auf den Tisch kommen, Diskussionen wieder und wieder geführt werden müssen. Barbara Streidl nimmt sich deswegen bei Streits in Kommentarspalten raus, erklärte sie den Zuhörer*innen.

Ebenfalls zeitig zum zentralen Punkt wurde die begrüßenswerte Möglichkeit, unmittelbarer, schneller und demokratischer mit Konsument*innen in Austausch zu treten. Dass Distanzen schneller zu überbrücken, Deutungshoheiten schneller zu durchbrechen sind und dass das Internet so ein starkes Demokratisierungspotentiel birgt, lobten die Podiumsteilnehmerinnen. Barbara Streidl drückte aus, dass ihr direkter Widerspruch z. B. auf Konferenzen dagegen manchmal fehle.

Als negativen Aspekt wurde die mangelnde Kontrolle über online selbst verteilte Inhalte hervorgehoben, denn quasi in dem Moment, in dem etwas online steht, wird es umgedeutet. Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum meldeten sich dazu einige, die wider Willen despekterliche Einträge in der Wikimannia bekommen hatten. In diesem Zusammenhang wurde noch einmal auf Netzcourage verwiesen, deren Anzeigenkultur sich laut Franziska Schutzbach positiv auf das Miteinander im Netz ausgewirkt hat. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz habe allerdings, so Francesca Schmidt, wenig am Umgangston geändert. Sie unterstrich aber die Wichtigkeit einer Online-Rechtspraxis.

Als Herausforderungen für den Feminismus im Netz sah das Podium vor allem Handlungsbedarf, auch weiterhin einen Schritt über die schiere feministische Empörung zu machen. Es gelte, online konstruktiv und diszipliniert Vorbilder und Multiplikator*innen zu teilen. Intersektionale Ansprüche wurden als wichtiger Aspekt weiterer Arbeit hervorgehoben. Außerdem wurde der breite Bedarf einer Aufklärung, was Hate Speech bei Betroffenen bewirkt, auf die Agenda gesetzt. Auch Kinder an das Internet und seine Wirkweisen heranzuführen, wurde genannt. Neue Technik gelte es immer kritisch zu hinterfragen, sie nicht als gegeben hinzunehmen und mitzugestalten.

Als praktische Hilfe, um bei sich feministisch gerierenden Netzwerken die Spreu vom Weizen zu trennen, wurde noch auf den Diskursatlas hingewiesen.

Akteure im feministischen Widerstand in Brasilien

Uta Grunert und Gislene de Lima Kamp von der KoBra Kooperation Brasilien stellten einige wichtige Akteur*innen des stark online getragenen Widerstands gegen den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro vor: Marielle Franco, die gewaltsam zu Tode kam; Ludimila Teixeira der Facebook-Gruppe Mulheres contra Bolsonaro; Natália Viana, die Gründerin der Agência Pública; Sônia Guajajara, eine indigene Vertreterin; Camila Mantovani, die aus Angst vor Ermordung ins Exil gegangen ist; Jean Wyllys, der ebenfalls sein Land aus Angst verlassen hat.

Geschlechterverhältnisse in Digitalisierungsprozessens

Dr. Edelgard Kutzner während ihres Vortrags.

Dr. Edelgard Kutzner während ihres Vortrags.

Dr. Edelgard Kutzner von der Sozialforschungsstelle an der TU Dortmund unterstrich gleich zu Beginn ihres Vortrags zu Geschlechterverhältnissen und Digitalisierungsprozessen, dem ersten im Block zum Thema Arbeit, dass Technikdeterminismus unangebracht ist. Kurz ging sie auf verbreitete Angst vor Arbeitsplatzverlust durch Digitalisierung ein und wies darauf hin, dass digitaler Wandel nicht nur die Möglichkeit zu mehr Home Office bedeutet. Der digitale Wandel lässt sich außerdem mitgestalten; auf der Agenda stünde jetzt deswegen die Suche nach guter, geschlechtergerechter digitalisierter Arbeit. Dazu gelte es, auf Digitalisierungsprozesse einzuwirken und Geschlechtergerechtigkeit aktiv anzugehen.

Sie zeigte auf, dass nicht in erster Linie die Technik, sondern die Arbeitsorganisation den Geschlechterunterschied herstellt. Die Ergebnisse ihrer Studie zeigten vor allem, dass Partizipation von zentraler Bedeutung für das gerechte Umsetzen der Digitalisierung im Arbeitsbereich sein wird. Als appellhafte Formel fasste sie für die Tagungsteilnehmer*innen zusammen: Wir müssen 1. erkennen, 2. in Frage stellen und 3. gestalten.

Der Job-Futuromat

Barbara Streidl stellte in ihrem unterhaltsamen Vortrag den Job-Futuromaten vor. Methodisch stellte sich bei mir zwar etwas Skepsis ein, wie ernst soll ich diesen Apparat nehmen?, aber ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung zu Künstlicher Intelligenz, das Barbara Streidl aufgriff, stellte sich als sehr einprägsam und anschaulich heraus: „Eine KI ist immer nur so neutral wie die Wirklichkeit, in der sie erschaffen wurde.” - und das trifft auch auf Gender zu, wie später an anderen Beispielen gezeigt wurde.

Künstliche Intelligenz und Gender

Dr. Karin Grasenik von convelop startete mit ihrem Vortrag zur Genderneutralität von Künstlicher Intelligenz in den zweiten Tag. Ich muss sagen, dass ich auch abseits des Genderaspektes das Thema KI noch nie so gut erklärt bekommen habe.

Dr. Karin Grasenik vor ihrer Folie zu den Gender Gaps in den AI Branchen

Dr. Karin Grasenik vor ihrer Folie zu den Gender Gaps in den AI Branchen

Zunächst ging Karin Grasenik auf den Frauenanteil, der in der Entwicklung von AI arbeitet, ein, der laut einer Studie bei 10 bis 15 % liegt, bei einer anderen Studie bei ca. 40 %. Ebenso zeigte sie die Übersicht zum AI Pay Gap des World Economic Forum.

Der englischen Version des oben erwähnten Zitats, „what is created depends on who creates it”, stellte sie einige witzige Beispiele an die Seite. So ist Tay, der sexistische und Hitler verherrlichende Chatbot, ebenso ein hübsches weißes Mädchen wie der Roboter Sophia - und bezeichnenderweise verfügt Sophias Kollege, Dr. Einstein, die männliche Variante, über einen Nachnamen, Sophia aber nicht.

Da sich KI an Vergangenem schult, generiert sie einen Backlash, erklärte Karin Grasenik, das zeige sich z. B. auf der Sprachebene, da der Translator nicht gendert, desweiteren, intersektional gedacht, an dem COMPAS Parole Algorithm, der gegenüber POCs starke Bias aufweist und z. B. auch an Gesichtserkennungssoftware, die am besten junge, weiße Männer erkennt (dazu Joy Buolamwini).

Im Publikum herrschte vor allem Angst vor der militärischen Nutzung von KI.

Das Digitale Deutsche Frauenarchiv

Sabine Balke-Estremadoyro stellte Aufbau und Arbeit des DDFs vor. Die Wichtigkeit feministischer Archive für das Schreiben einer Gegengeschichte, das Retten und Sammeln auch prekärer und punktueller Bewegungen macht die Bedeutung solcher Archive aus. Und sie sind eine Strategie gegen das Unsichtbarwerden. Deutschland hat besonders viele dezentrale Archive, führte Sabine Balke-Estremadoyro aus, eng arbeitet sie z. B. mit dem Spinnboden zusammen. Die Vielfalt und örtliche Verstreutheit ist für ein zentrales Archiv eine besondere Chance (und viel, viel Arbeit, wurde auch klar).

Bald wird sich das DDF auch mit der Deutschen Digitalen Bibliothek und der Europeana verbinden.

Mich interessierte vor allem, was das DDF von einem nicht-feministischen Archiv unterscheidet und ich lernte: das fängt schon bei der Verschlagwortung an. Wird „Hausarbeit” zu „Frauen” sortiert oder zu „Arbeit”? Außerdem fördert feministische Archivarbeit Zeitzeuginnen, respektiert autonome Strukturen und pflegt eine Debattenkultur. Besonders hat mich fasziniert, wie Vernetzungen und Zusammenarbeiten von Akteurinnen auf der Website des Archivs dargestellt werden.

Workshop-Time: Safer Digital Space

Da der Workshop mit Tarik Tesfu leider wegen Krankheit entfallen musste, hatte ich mir einen zum Thema Netzsicherheit herausgesucht. Selen und miriamino von fuck-muc bestätigten den Workshopteilnehmerinnen, dass die Hacker -Community sonst aus weißen Cis-Männern besteht, weswegen diese die Münchner Hacker-Räume regelmäßig für ihren Zusammenschluss für Frauen, Nicht-Binäre, Trans- und Inter’-Menschen räumen müssen. Wir erstellten zusammen eine Datenlandkarte und diskutierten über die Risiken, die Technik mit sich bringen kann, angefangen mit Überwachungssoftwares, auch für Ehepartner*innen, über Smart-Home-Devices, die es z. B. ermöglichen, jemanden einzusperren. Die Workshopleiterinnen gaben uns dann fünfzehn Strategien an die Hand, sich digital zu schützen.

Die im Workshop gemeinsam erstellte Datenlandkarte.

Die im Workshop gemeinsam erstellte Datenlandkarte.

1) beste Strategie: Datensparsamkeit, 2) Anonymisierung, 3) Schutz vor Tracking, 4) ein Live-System nutzen (Betriebssystem auf USB-Stick; für öffentliche Rechner), 5) sichere Passwörter, 6) Passwortmanager 7) Zwei-Factor-Authentifizierung 8) Yubikey/Smartcard 9) Datenverschlüsselung 10) Kommunikationsverschlüsselung 11) Updates 12) selbst hosten 13) alternative Plattformen 14) dezentrale Backups 15) Open Source Software

Tipps der Workshopleiterinnen waren außerdem, sich auf Prism Break sicherere Alternativen zu beliebten Anwendungen wie WhatsApp oder dem Google Play Store auszusuchen. Zusätzlich hilft der Training Curriculum des Gender and Technology Institutes mit seinen Workshops, das Thema Sicherheit online häppchenweise anzugehen. Und noch einen Buchtipp hatten die beiden Leiterinnen parat: The Smart Girls Guide To Privacy von Violet Blue.

Zusammenfassend

Bereits die Gliederung der Tagung hatte eng getakteten Input versprochen, nach den zwei halben Tagen blieb der Eindruck, bis an den Rand mit neuer Inspiration und Wissen gefüllt worden zu sein. Ein starkes Gefühl! Sowohl nach den Vorträgen als auch im Workshop hätten die Teilnehmer*innen gerne noch länger diskutiert, jedoch ohne das jeweils folgende spannende Thema zu verpassen.

Mit etwa 70 Teilnehmer*innen, ca. die Hälfte davon zum ersten Mal in der Evangelischen Akademie, war die Tagung gut besucht und gerade richtig gefüllt, um Gespräche nach und zwischen den Vorträgen angenehm zu machen. Zwar sicherlich hauptsächlich weiß und mittelschichtig, war die Tagung in der Altersstruktur recht heterogen. Zahlreiche Gleichstellungsbeauftragte glaube ich unter den Teilnehmer*innen ausgemacht zu haben, symptomatisch für eine Generation von Feministinnen, die etwas älter als die Wepsert Crew sind.

Ich gebe zu, ich hatte Vorurteile. Sah mich schon allein unter Zweite-Welle-Feministinnen, die jetzt mal wissen wollen, wie das so ist mit diesem Internet. Ich hatte Angst, ich würde mich langweilen. Ich lag komplett daneben! Viel und schneller Input, eine ausgesprochen effiziente und konstruktive Zusammenarbeit, ein freundliches Klima. Neben den Vorträgen wurde zur Stimmung und Arbeitsweise auch viel von den informierten Teilnehmer*innen beigetragen. Selbst in den Pausen, beim Kaffee in der Sonne, ergaben sich fundierte Gesprächsthemen und kein nerviger Smalltalk.

Zu akademisch oder hochschwellig ging es derweil nicht zu. Selbst komplexe Themen wurden einfach erklärt. Ebenfalls lobenswert: durch die Zusammenstellung der Referierenden wurde Diversität selbstverständlich umgesetzt, durch die Themen der Vorträge wiederum war der Fokus eben nicht weiß und mittelschichtig und öffnete den Blick auf globale Lebenswelten. Zwar verstand sich die Tagung nicht als ausdrücklich queerfeministisch, sie bemühte sich aber dennoch, auch diesen Aspekt respektvoll einzubinden.

Für mich bleibt, außer vielen interessanten Zipfeln, die ich in die Finger bekam und verfolgen möchte, neben spannenden Buzzwords, die ich googeln - ähh qwanten möchte, vor allem das gute Gefühl, dass feministische Generationen zusammenwachsen können, wenn es um die gemeinsame Sache geht. Ich war beeindruckt, welches Tempo und welche Tiefe die Tagung vorlegte. Ich wurde angespornt. Also was hat Feminismen 4.0 mit mir gemacht? Quasi das Gegenteil eines Feminist Burnout!

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