gepflegte Hysterie & feministischer Diskurs #reclaimhysteria

Wepsert auf Konferenz

Wepsert auf Konferenz

Am 8. und 9. Juni öffnete die Seidlvilla in München ihre Tore für eine feministische Konferenz, veranstaltet von Frauenstudien München e. V. anlässlich ihres 30. Geburtstags. Der nächste Schritt, so der Titel der Konferenz, steht für die vereinte Power, Entwürfe für eine gleichberechtige Zukunft zu entwickeln. Wepsert war für euch live dabei.

Tag 1: Mithu Sanyal

In der Keynote von Mithu Sanyal, Liebe deinen Feminismus wie dich selbst. Dystopien und Utopien für das 21. Jahrhundert, drehte sich alles um Liebe als eine versöhnende Haltung und als politische Kraft. Feminismen als momentan erfolgreichste soziale Bewegung müssten sich ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein und nicht nur um die Frau als politisches Subjekt kreisen. Auch Männer sollen im Feminismus mitgemeint sein. Außerdem müsse man darauf achten, sich nicht in Mikrokritik zu verlieren. Frauen in Aufsichtsräte zu bringen, die Me-too-Bewegung seien wertvoll, dabei sollte im Feminismus als linke Bewegung aber nicht vergessen werden, auch wirtschaftliche Neuentwürfe zu konstruieren. Insbesondere der Pflegebereich, häuslich und in Institutionen, in dem viele illegale Migrantinnen zu menschenverachtenden Bedingungen arbeiten, seien wichtiger als Einzelfall-Änderungen. Um Utopien für eine neue Gesellschaft zu formulieren, brauche es Liebe.

 Mithu Sanyals Feuer wirkt ansteckend. Foto: Kinga Cichewicz

Mithu Sanyals Feuer wirkt ansteckend. Foto: Kinga Cichewicz

Sanyal hob hervor, dass das Absprechen von Liebenswürdigkeit eine Methode zur Unterdrückung ist. Die Angst davor, nicht liebenswürdig zu sein, sei unter Frauen sehr verbreitet.

Das Thema Redeverbote wurde angeschnitten, hierbei plädierte Sanyal für eine annehmende Haltung auch gegenüber denen, die eine neue Sprache erst erlernen müssten. Es müsse erlaubt sein, Fehler zu machen. Vom Publikum wurde ihr Wunsch nach Mediation statt Strafe für Täter gemischt aufgenommen. Vor allem der Begriff der Versöhnung kam einigen Hörerinnen mit christlicher Vorbelastung zu soft vor.

 Volles Haus in der Seidlvilla. Foto: Kinga Cichewicz

Volles Haus in der Seidlvilla. Foto: Kinga Cichewicz

Tag 2: Podium und Workshop

Die Podiumsdiskussion Wie wir wirtschaften mit Antje Schrupp, Dr. Astrid Séville der LMU und Isabel Hoyer von Panda war für uns als Schrupp-Fangirls ein Pflichttermin! Außerdem barg die Kombination an Rednerinnen ein herrlich explosives Potential. Spoiler-Alert: Leider keine Eskalation.

Antje Schrupp unterstrich auch noch einmal die Reichweite und globale Verantwortung des Feminismus als Bewegung. In Bezug auf die Wirtschaftwelt, die Weiblichkeit mittlerweile als Wert erkannt habe, sei es vor allem wichtig, nicht einfach nur Beteiligung zu fordern, sondern das große Ganze, sprich z. B. Finanzmärkte zu betrachten. Es sei derzeit leicht, mit Kleinigkeiten und Mainstream-Themen gehört zu werden, das könne aber nicht die gesamte Agenda sein.

Dr. Astrid Séville bestärkte sie darin, den Markt in den Mittelpunkt des feministischen Diskurses zu rücken, da ein großer Teil der Frauen in prekarisierten Erwerbsbiografien steckt. Neoliberalismus und Feminimus seien ein mögliches, aber unschönes Pärchen. Am Beispiel der Pflegearbeit, Teilzeitarbeit und typischer Unterbrechungen der Berufstätigkeit stellte sie zwei Möglichkeiten auf, Reformen zu bringen: eine Politik der kleinen Schritte vs. radikale Kritik. Soll es unser Ziel sein, einzelne Frauen in DAX-Vorstände zu bringen oder soll der Care-Bereich unser zentrales Thema sein?

Isabelle Hoyer pitchte erst einmal für ihre GmbH. Soft Qualities, fuhr sie dann fort, seien im Management heute gefragt. Ihr Angebot, das sich über Unternehmen finanziert, versuche aber dennoch, Unternehmensstrukturen zu ändern. Panda verstünde sich als kleine, an der Oberfläche kratzende Initiative, das überhaupt erst einmal ein Bewusstsein für strukturelle Diskriminierung schaffen wolle. Panda sei nicht daran interessiert, den Unternehmen bei der Gewinnmaximierung zu helfen, wolle auch kein Lean-in betreiben helfen.

Antje Schrupp nahm sich Mithu Sanyals Plädoyer für Versöhnung vom Vortag gleich zu Herzen, indem sie sich für einen Schulterschluss zu Hoyers Feminismus aussprach. Unterschiedliche Positionen in der Linken seien vereinbar, um einen feministischen Pakt zu schließen. Die klaren Fronten zwischen Kapital und Arbeit, wie sie in der alten Linken verbreitet waren, dürften erweichen, sodass Reformismus und Revolution an vielen Stellen gleichzeitig ablaufen könnten. Eine der Stärken des Feminismus sei schließlich, dass man Ambivalenzen aushalten könne.

Revolution is not a one time event.
— Audre Lorde

Unklar blieb in der Diskussion, welche Priorität man der Diskussion über Care-Arbeit zubilligen sollte. Common sense herrschte dagegen darüber, dass es im Feminismus nicht nur um die Themen sexualisierte Gewalt und Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehen könne.

Enttäuschend war, welche Haltungen in der anschließenden Publikumsdiskussion erkenntlich wurden. Neben einer krassen Fixierung auf das Thema Kindergeld waren sogar noch einige differenzfeministische Äußerungen zu hören. Wepsert musste sich arg am Riemen reißen, im Sinne von Love Ethics versöhnlich zu bleiben.

Workshop „Reenactment: Ökofeminismus“

Der Nachmittag versprach die Gelegenheit zur praktischen Betätigung in Form von Workshops. Wepsert war bei dem von Cornelia Roth geleiteten Workshop „Reenactment: Ökofeminismus“. Der Workshop fand im Garten der Seidlvilla statt – eine willkommene Abwechslung zum engen Sitzen in Konferenzräumen. Ökofeminismus, so erfuhren wir Teilnehmer*innen im Einleitungsvortrag, ist eine Richtung des Feminismus, die sich mit der Überschneidung (oder den Überschneidungen) zwischen Umweltschutz und Feminismus beschäftigt. Er entstand in den USA Mitte der 70er, in Deutschland wurde er Mitte der 90er, vor allem nach der Katastrophe von Tschernobyl, populär. Die Theorie hinter Ökofeminismus ist, dass sich die Ausbeutung der Natur und die Ausbeutung der Frau durch die herrschenden Verhältnisse strukturell ähneln. Ökofeminismus begegnet ökologischen Fragen mit feministischen Analysen.

Für Cornelia Roth und eine Gruppe Frauen* bedeutete dies in den 90ern, sich als Frauen* und sich als Menschen mit ihrer Beziehung zur Natur auseinanderzusetzen. Cornelia betonte immer wieder, dass Natur hier nicht das meint, was außerhalb des Menschen existiert, sondern Natur als das, was mit uns lebt zu begreifen. Auch der weibliche Körper ist Natur, doch, so erzählte sie, wurde die Auseinandersetzung mit und das Wissen über den weiblichen* Körper den Frauen* entwendet (zum Beispiel in der männlich geprägten Medizin, bei der Geburtshilfe oder auch bei der Erforschung der weiblichen Lust). Ihr war es daher ein Anliegen, sich gleichzeitig mit dem weiblichen* Körper, mit anderen Körpern und auch mit dem, was noch mit uns lebt (also mit der Natur) zu verbinden. Soweit so gut.

 Der Ökofeminismus treibt Blüten. Foto: Kinga Cichewicz

Der Ökofeminismus treibt Blüten. Foto: Kinga Cichewicz

Doch dann wurde es spirituell! Der Hauptteil des Workshops bestand darin, dass Cornelia ein Jahreszeitenfest vorgestellt und gefeiert hat, und wer wollte, konnte mitfeiern. Über das Fest im Detail soll hier nicht gesprochen werden, das bleibt geheim. Wepsert war gleichzeitig sehr beeindruckt und fasziniert, aber auch sehr befremdet von dem persönlichen Versuch, sich in der Natur zu verorten. Zum Glück durften wir uns auch befremdet fühlen – bei dem Fest war alles erlaubt. Cornelia erklärte jedes Element, stellte immer die Möglichkeit frei, mitzumachen oder nicht mitzumachen und am Ende gab es Kuchen und eine Aussprache.

Als angenehm und anregend empfanden wir vor allem den persönlichen Kontakt zu Gleichgesinnten und den Blick über den Tellerrand unseres eigenen Feminismus. Das veranstaltete Speed Dating war dafür ein fabelhafter Eisbrecher, und auch in den Pausen wollten wir gar nicht mehr aufhören, mit den spannenden Initiativen und Einzelpersonen zu quatschen.

Neben dem Input der Vorträge und den geführten Gesprächen war es bestätigend und stärkend zu erfahren, auf welche Traditionen unsere eigene Arbeit fußt und wie sich die Strömungen, die sich unter Feminismus fassen lassen, in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert haben.

 

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