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5-Fragen-Interview mit Yildiz Çakar zu ihrem Gedichtband "Dunkles Siegel"

5-Fragen-Interview mit Yildiz Çakar zu ihrem Gedichtband "Dunkles Siegel"

“Wie sieht eine Welt aus, die aus der Sicht von Frauen erlebt, erfahren, erlitten und Faden für Faden gewoben wird?”

- Yildiz Çakar


 

© Yildiz Çakar

Intro

Yildiz Çakar, geboren 1978, ist Dichterin und Schriftstellerin. Neben ihrer Tätigkeit als Korrespondentin und Redakteurin für kurdische Zeitungen sind ihre Gedichte in zwei Bänden erschienen (»Friedhof der Sterne« 2004, und »Die Tür« 2012), in denen sie Motive des Todes und Exilerfahrungen verarbeitet. Außerdem hat sie eine Enzyklopädie, mehrere Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht und ist Gründungsmitglied des Kurdischen Schriftstellerverbands.

 
 

1. Was hat dich dazu bewegt, "Dunkles Siegel" zu schreiben?

Die einzige Kraft, die mich dazu bewegt hat, diese Gedichte zu schreiben, ist das Zeugnis unserer Gegenwart und die Spuren, die diese Zeit in meiner Seele hinterlässt, während ich durch sie hindurchgehe. Auch wenn es von außen betrachtet an manchen Orten so erscheinen mag, als lebten wir in einem stabilen, gewöhnlichen und normalen Jahrhundert, finden doch direkt neben uns, am Rand unseres Lebens, gewaltige Ereignisse statt: Kriege, Migrationen und Massaker. Kriege, die die Welt erschüttern, erzwungene Vertreibungen, die Menschen heimatlos machen, und die bodenlose Einsamkeit, die Frauen in diesen Wellen auf ihren Schultern tragen. Die systematische Gewalt gegen den weiblichen Körper und die weibliche Seele, Leben, die in Ungewissheit verloren gehen, und eine Existenz, die in den Nischen der Geschichte in Vergessenheit geraten  soll – all das hat mich dazu geführt, diese Gedichte zu schreiben.

„Dunkles Siegel“ ist aus den Spuren entstanden, die diese Zeit in meiner Seele hinterlassen hat, aus den Brüchen, deren Zeugin ich geworden bin. Diese Gedichte sind dafür geschrieben, trotz allem an Hoffnung und Widerstand festzuhalten, das wiederzufinden, was uns als Frauen geraubt und vernichtet wurde, und diese Zeit und diese Gefühle zu bewahren. Es sind Gedichte mit einer Geschichte; sie haben Figuren. Manche sind in  einer bestimmten Zeit verortet, andere sind zeitlos.

In diesen Gedichten bewegt sich die Erzählung zwischen dem Lyrischen und dem Epischen; sie wird zu einer persönlichen Zeugenschaft und zugleich zu einer Form kollektiver Erinnerung. Für mich ist Poesie nicht nur der Ausdruck eines Gefühls, sondern sie bedeutet, dass das, was in Vergessenheit geraten soll, in der Sprache überlebt. Gerade deshalb muss geschrieben werden; denn Schweigen kann manchmal der stille Komplize der Gewalt sein. „Dunkles Siegel“ ist deshalb ebenso ein Klagelied wie eine Chronik: Es trägt die Spuren der Verschollenen, der mit Gewalt zum Schweigen Gebrachten und derer, die sich aus der Asche neu zu gebären versuchen.

2. Welche Emotionen standen für dich beim Verfassen im Vordergrund?

Es ist sehr schwer, meine Gefühle während des Schreibprozesses zu beschreiben, denn ich habe jedes Gedicht an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit geschrieben. Mein Gedicht, das dem Band seinen Titel gegeben hat, „Dunkles Siegel“, handelt von einer Landschaft, in der Frauen getötet werden, und von Monstern. Diese Frauen sind zwar eigenständige Lebewesen, werden aber immer noch in einem Teil der Welt zur Kriegsbeute gemacht und verkauft.

Dieses Gedicht, das ich mit einer tiefen Ohnmacht und einer intensiven Trauer geschrieben habe, birgt zugleich den Widerstand und die Empörung dessen, das trotz allem aus der Asche wiedergeboren wird, wiedergeboren werden muss. Ehrlich gesagt kann ich von einem Ganzen sprechen, in dem all diese gegensätzlichen Gefühle einander nähren.

© Yildiz Çakar

3. Was versuchst du durch "Dunkles Siegel" vor allem zu vermitteln?

Ich wollte die Welt, die Geschichte, die Geografie und die harte Wirklichkeit, in der wir atmen, aus der Sicht von Frauen erzählen. Gegenüber Geschichtserzählungen, die meist in einer männlich geprägten Sprache entstehen, und gegenüber einer Sprache, die Kriege und Migrationen auf Statistiken reduziert, habe ich diese Gefühle aus der Sicht der Frauen dargestellt– mit ihrer Intuition, ihrem Empfinden und vor allem mit dem, was sie erleben.

In diesen Gedichten erinnere ich daran, dass Sprache und Körper jeweils ein „Gedächtnisarchiv“ sind. Wie sieht eine Welt aus, die aus der Sicht von Frauen erlebt, erfahren, erlitten und Faden für Faden gewoben wird? Mit „Dunkles Siegel“ möchte ich den Leser*innen eine Antwort auf diese Frage geben.

4. Wie würdest du einem Kind beschreiben, worum es in dem Gedichtband geht?

Dass ich einem Kind erklären kann, worum es in diesem Gedichtband geht, hängt eigentlich davon ab, unter welchen Bedingungen, in welcher Landschaft und unter welchem Himmel dieses Kind lebt. Denn die Sätze, die ich ihm sagen würde, verändern sich je nachdem, wie das Kind die Welt erlebt. Ein Kind, das beispielsweise im Nahen Osten aufwächst, weiß, was Migration, die kalte Seite des Krieges, Armut und Hunger bedeuten. Auch die literarische Brücke, die ich je nach Zeit, Ort und Herz des Kindes baue, verändert sich.

5. Ein Blick auf Feminismus: Welche Position(en) nehmen FLINTA* (-Rollen) in "Dunkles Siegel" ein?

„Dunkles Siegel“ besteht aus Gedichten, die eine konsequent feministische und befreiungsorientierte Philosophie in ihr Zentrum stellen und mit dieser Perspektive verwoben sind. Schon vom Beginn des Buches an werden der weibliche Körper, die systematische Gewalt, die auf ihn ausgeübt wird, die Unterdrückung und die Massaker auf erschütternde Weise sichtbar. Auch wenn ich diese Zerstörung in einer poetischen Sprache und mit einer vielstimmigen, dramatischen Ästhetik auf die Bühne gebracht habe, steht die politische Wirklichkeit dahinter in all ihrer Nacktheit da: Die rhythmische und widerständige Struktur in „Dunkles Siegel“ repräsentiert eine unabhängige, aufbegehrende Subjektivität, die innerhalb der vorherrschenden Ordnung ihre eigene Stimme und ihre Klage in Empörung verwandelt, die die Kultur trägt und dem herrschenden System trotzt.

In dieser Hinsicht erscheint der weibliche Körper in „Dunkles Siegel“ nicht nur als Ziel der Gewalt, sondern zugleich als Träger von Erinnerung, Sprache und Widerstand. Der Körper ist hier ein Archiv: Er sammelt die Wunden, das Schweigen und die Bedeutungen auf, die ihm zwanghaft aufgezwungen wurden; zugleich kann er aber auch seine eigene Erzählung, seine eigene Stimme hervorbringen. Die Vielstimmigkeit des Gedichts stellt vielfältige Frauenerzählungen an die Stelle einer einzigen, herrschenden Geschichte. So bleibt die Klage nicht als erstarrte Form der Trauer stehen; sie wird zu einer Performance, zu einer Empörung und zu einem Akt der Umbenennung.

Vielleicht liegt die feministische Seite von „Dunkles Siegel“ genau hier: das Zum-Schweigen-Gebrachte nicht nur mit Schmerz, sondern mit der Kraft seiner eigenen Sprache sichtbar zu machen.

“Die einzige Kraft, die mich dazu bewegt hat, diese Gedichte zu schreiben, ist das Zeugnis unserer Gegenwart und die Spuren, die diese Zeit in meiner Seele hinterlässt, während ich durch sie hindurchgehe.”
— Yildiz Çakar

Dunkles Siegel (Auszug)

Wie giftiger Efeu braches Land überzogen Schakale und Dämonen unser Haus.

Eine dunkle Hand trieb dunkle Wolken aus dem Universum zusammen. Statt Regen tropfte Blut.

Nur Schlaf blieb von den Tropfen Bluts,

nur Vergessen.

 

Die Sonnenfrauen schliefen, als würden sie nie mehr erwachen.

»Die Sonne auf ihrer Stirn wurde zu einem tiefen Grab in ihrer Brust.«

 

Der Spiegel im Zimmer zerbrach, die Wand wurde blind, das Gesicht zerbarst.

In 1001 Scherbe barst die Klage, Lieder aus uralter Zeit in grellen Farben gestickt.

In treuloser Hand wurde die Dunkelheit zum verfluchten Los.

Eine unglückliche Mutter schaukelt die hölzerne Wiege, still, singt leidend Klagelieder:

»Lûr, Lûr, wie schön bist du in diesem finsteren All.«

 

Des frühen Morgens Schleier rötet sich, fließt mählich, sucht Blutrinnsal den Weg zum Grab.

Sucht ein Wort von Gott, den blauen Stein, den vierzigtorigen Lebensbrunnen,

vermag die Wunde nicht zu schließen.

So war der leichte Morgenwind. In ihrer Hand wärmte sie die Asche des Todes.

Einmal blies sie auf die Erde, einmal öffnete sie die Brust für schöne Seelen und sagte:

»Ein gezücktes Schwert verlangt nach Blut!«

 

Die nachts Gräber ausheben, suchten das Blut der Frauen in den geblümten Kleidern.

Männer aus Schatten

rissen mit giftigen Zähnen Knöpfe von den Kleidern,

trennten sie vom Faden wie Blumen von den Wurzeln in der Erde. Was übrig blieb, waren tote Stengel und ein Ach.

Waren die Knöpfe und die Milchsteinchenkette, die sie von der Mutter hatte.

Verstreut die Milchsteinchen am Boden,

alles lag verstreut, zum Blutsee wurde der Teppich im Zimmer,

eine rote Sintflut ließ sich auf ihm nieder.

Ein Schatten fiel auf sie,

trug Schulterklappen, schnitt Stück für Stück des Lebens Glieder

von dem gewaltigen Rumpf.

 

Die Nacht war dunkel,

der Atem verrann.

Die Stimme erkaltet,

das Zimmer erkaltet,

das Licht verlischt.

Das Gelb vergilbt, entkommt in die Zeit vor dem Morgen.

 

Die Zeit ertrinkt im Spiegel, vor der Zeit zerbrochenen,

die Augen hält die Wand geschlossen,

das zersprungene Gesicht, selbst wenn 1001 Klage darauf fielen, fügt sich nicht.

Ein Augenblick blieb auf dem Gesicht,

in jener Ecke,

an jenem groben Nagel,

eingehüllt in dunkles Tuch der Traum eines Tages und einer Nacht.

Erinnerungen verdunkelten den Blick,

flüsterten dem Messer mit scharfer Klinge zu:

Wie heiß ist das Rot,

wie vollkommen fließt es im Kreis.

Es tropft

das Leben rot so rot …

 

Rot die Blumen auf den Kleidern,

um drei Groschen schöner an jedem Feiertag.

Das Leben legt in die Tasche des Herzens,

was auch immer es auf der Welt an Schmerz und Leid gibt, wie Festtagssüßigkeiten.

Gibt ein Grab,

eine Handvoll Erde auf die offenen Augen.

Ein düsterer Groll bittet den Schatten des Todes zu Gast.

Um ein Grab zu bereiten,

muss der Tod sich

zu Lichte verwandeln.

Die Mutter beugte sich, sie weinte in ihr Taschentuch und sagte:

»Dunkel ihr Los, auf dieser Welt ist ihr kein Thron. Ihr Grab nicht von dieser Zeit … «

Wie Wasser floss Blut. Im Schoß der Erde wurde Lûr Lûr zu einer roten Rose.

 

Das Messer hörte diese Worte.

Es sprang auf, setzte mit seinem Schatten sich auf Lûrs Thron.

Es flüsterte:

»Niemand beneidet die Toten. Wen kümmert, dass Lûr gegangen ist?«

Keinen Laut gaben die Fotos an der Wand,

aus dem Radio, Stimme sämtlicher Zeiten, kam nicht einmal ein Rauschen.

Die Spitzen und Stickereien aus Aussteuertruhen,

sie klöppeln sich selbst den dreifachen Galgenknoten.

Im Stillen sagten sie einander:

»Haben Mutter und Vater kein Heim, bleibt der Name der Töchter ohne Baum.

Dann wird der Kappe des Mädchens dem Mörder

als Taube mit gebrochenen Flügeln vor die Füße fallen.«

 

So siegelten sie den Grabstein,

gravierten ihn mit schwarzer Schrift.

Gott lenkte nicht länger das Schicksal:

Das Schicksal wurde zum Spiel in den Händen gebärmutterloser Menschen.

Darum schreit die hölzerne Wiege nach der Milch in der Brust.

Die Milch in der Brust versiegte, der Sauerteig verdarb,

Die Stimme der Mutter schrie, ließ Himmel und Herde erzittern:

»Lûr Lûr, wie wurde das Schicksal deiner Mutter zu deinem?«

 

Straße wurde zum Graben, Tränen flossen, Mutters Schürze wurde zur weißen Ebene.

Weiß wurde die Kindheit, wie ein schönes rankes Mädchen.

Jäh verdorrte die Rose, das Wasser versiegte.

Eine blutige Hand zerschnitt der Blauäugigen Leben.

Vergiftet der Weinberg, übrig noch vertrocknete Reben.

Schnee und Sturm drangen auf uns ein.

Wann immer das Herz rief,

kehrte nur ein Echo zurück;

der Betrüger der Dunkelheit besetzte unseren Thron.

Auf diesem Thron erkaltete das Leben und beide Augen

blieben geöffnet

im Spiegel des Zimmers.

 

»Lûr, Lûr«, rief es von fern, »Lûr, Lûr, öffne deine Augen aus diesem tiefen Schlaf … «

 

Grauenhaft der Schatten, der nachts den Weg zum Haus in Blut verwandelt.

Das Haus von seinem Mutterleib getrennt; getrennt die Hand

von der Hand deiner Mutter.

Die Stücke zusammengeharkt, als wären sie Gras.

So zerstückelt erhob sich die Seele aus der Leiche.

Befreite sich aus den offenen Augen.

Entschwand in der Nacht zwischen Fels und Geröll.

Die Traubenernte gestampft und verbracht,

war ein nächtlicher Traum.

»Lûr, Lûr, im Himmel bist, was auf Erden du warst. Wie konnte man nur

im Namen Gottes ein Tespih aus deinen Brustwarzen machen, ach, Lûr, Lûr!«

 

Yildiz Çakar, Berlin, 2020

 

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