gepflegte Hysterie & feministischer Diskurs #reclaimhysteria

Femi-Action in München: De Gfotzerten

Femi-Action in München: De Gfotzerten

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Wer mit offenen Augen an der Isar entlangschlendert, hat sie vielleicht schon entdeckt: Lebensgroße Frauenfiguren, auf Wände aufplakatiert und plakativ bewaffnet. In den Unterführungen - klassischen Angsträumen für Frauen - sollen die Street-Art-Ladies auf der einen Seite Mut machen, sich bei Angriffen zu wehren, auf der anderen Seite abschreckend auf potentielle Täter*innen wirken. Sind die Kritisch-Kreativen hinter diesen Aktionen auch so eine toughe Girl Gang? Für Wepsert habe ich sie digital und anonym zu ihren Zielen befragt, und es war sehr aufregend, Münchner Schwestern im Geiste kennenzulernen.

Laut und unbequem für eine vielfältige Stadt

Wie würdet ihr euch selbst beschreiben?

De Gfotzerten kämpfen seit 2016 gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie und für eine Stadt der Vielfalt, in der alle Menschen einen Platz finden, ohne sich vor Beleidigungen oder Übergriffen fürchten zu müssen. Dafür werden De Gfotzerten laut und manchmal unbequem.

Was hat es mit eurem Namen auf sich?

Wie das vielen neu gegründeten Bündnissen geht, haben auch wir zu Anfang ziemlich lange nach einem passenden Namen für unsere Gruppe gesucht. Die Aneignung bzw. Rückeroberung des Begriffs "Fotze" schien uns dann allen äußerst passend. Die meisten kennen "Fotze" nur als widerwärtiges Schimpfwort für Frauen. Doch im Bayerischen ist mit "Fotzn" keine Hure oder Vagina gemeint, sondern das Wort bedeutet Mund. Als Ableitung kennt das Bayerische dann auch die "Gfotzerte". Damit ist eine Frau* gemeint, die sich nicht den Mund verbieten lässt.

Die Gfotzerte ist eine Frau*, die sich nicht den Mund verbieten lässt.

Am Anfang kam mir das Wort "Fotze" nur schwer über die Lippen, mittlerweile macht es mich stolz, zu dieser Gruppe zu gehören - eine Fotze zu sein. Die meisten Menschen, die den Namen hören, sind erst mal überrascht. Und genau darum geht es. Wir wollen Menschen zum Nachdenken anregen.

Hinter die Fassaden blicken, um alltägliche Missstände zu entlarven

In unserem Alltag begegnen uns ständig Menschen, die der Ansicht sind, die Gleichheit der Geschlechter sei in unserer Gesellschaft längst erreicht. Schaut genauer hin! Es gibt noch viel strukturelle und offene Benachteiligung und Gewalt nicht nur gegen Frauen*, sondern ebenso gegen Homo- und Bisexuelle, Trans*Personen, Menschen mit Behinderung, verschiedenen Hautfarben oder Religionen. Die Liste ist lang - uns ist wichtig, hier niemanden auszuschließen, auch wenn das sprachlich manchmal nur schwer möglich ist.

Wie sehen die Aktionen aus und was beabsichtigen sie?

Die erste öffentliche Aktion fand im Juni 2016 statt, als De Gfotzerten nachts unzählige Plakate und Aufkleber in der Münchner Innenstadt verteilt haben. In erster Linie geht es uns darum, die Münchner Stadtgesellschaft auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Wir kleben Plakate in der Stadt, in Kultureinrichtungen, Kneipen, Universitäten, Schulen etc. Außerdem sind wir bei Facebook und Instagram aktuell sehr aktiv. Wir haben zum Beispiel in der Vorweihnachtszeit letztes Jahr in einem großen Münchner Kaufhaus Fake-Geldscheine regnen lassen, um auf die Lohnlücke aufmerksam zu machen. Außerdem haben wir die Münchner Erklärung "Nicht in unserem Namen" unterstützt und mitunterzeichnet, die deutlich macht, dass Gewalt gegen Mädchen* und Frauen* kein "Flüchtlingsproblem", sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

 Lohnlücken-Geldscheine im Vorweihnachtskaufhaus

Lohnlücken-Geldscheine im Vorweihnachtskaufhaus

Diesen Sommer haben wir uns mit einem offenen Brief an das Tollwood-Veranstaltungsteam gewandt, um auf das Missverhältnis bei der Auswahl der Musikacts aufmerksam zu machen. Hinzugefügt haben wir eine Liste mit Musikerinnen und die Aufforderung an das Festival, im nächsten Jahr mehr weibliche* Acts und Frauen*bands in ihr Programm zu nehmen.

Wir stehen in Kontakt mit Aktivistinnen*-Gruppen in Deutschland und anderen Ländern und versuchen dieses Netzwerk ständig zu erweitern, um ein breites Bündnis gegen Hass, Ausgrenzung und Gewalt zu schließen. Wir wünschen uns weltweit Solidarität unter Frauen* und Aktivistinnen*. Dabei scheint es immer wieder nötig klar zu stellen, dass wir nichts, absolut gar nichts gegen Männer* per se haben.

Danke euch für das Interview und viel Erfolg bei weiteren Aktionen, liebe Gfotzerten!

Degfotzerten auf Facebook

Und auf Instagram

Artikel in der Süddeutschen über den offenen Brief der Gfotzerten an die Tollwood-Organisator*innen

Und jetzt alle zusammen

Und jetzt alle zusammen

6C Yuki Kashima

6C Yuki Kashima