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Offener Brief an das DB Mobil Magazin: Von Othering und männlichen* Podcast-Ratings

Offener Brief an das DB Mobil Magazin: Von Othering und männlichen* Podcast-Ratings

Letztens fahre ich mit der Bahn und entdecke das Deutsche Bahn Magazin „Mobil“. Da ich gerade nichts besseres zu tun habe, blättere ich darin herum. Bei einem Artikel bleibe ich hängen: DB Mobil kürt die 25 besten Podcasts“, kündigt das Magazin an. Und failed dabei grandios.

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„Zwei junge Frauen reden über Männer, Liebe, Arbeit, Kindheit. Klingt anstrengend?“

Schon nach einer Seite steigt mein innerer Wutpegel um nicht zu verachtende Grade. Nicht nur sind der Großteil der Podcasts von und mit Männern gemacht, nein, die männlichen Podcasts bekommen oft noch eine „weibliche“ Version angehängt, die dann allerdings schlechter bewertet wird.

So landet der Podcast „Fest&Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz auf Platz 1, wird als „Buddy-Talk“ und „Hörspaß“ gelobt, während der Podcast „Herrengedeck“ von Ariana Baborie und Laura Larsson als „Weibliches Gegenstück zu 'Fest & Flauschig'“ betitelt wird und nur auf Platz 19 (von 25) landet. Schlimmer noch: dass hier zwei junge Frauen über „Männer, Liebe, Arbeit und Kindheit“ reden, muss erstmal mit der Frage „Klingt anstrengend?“ abgewertet werden. Es wird suggeriert, dass, sobald sich zwei Frauen über alltägliche Themen unterhalten, dem*r Zuhörer*in erstmal die Laune vergeht. Laut dem Mobil Magazin wird es erst durch den besonderen Charme der beiden Moderatorinnen erträglich beziehungsweise unterhaltsam. Geht's noch?

„Was 'Beste Freundinnen' aus Männersicht ausplaudern, haben Ines Anioli und Leila Lowfire in weiblich anzubieten.“

Auch Platz 10 und 11 zeigen, dass Formate, sobald sie von und für Frauen* sind, weniger hoch geschätzt werden. Platz 10 ist der Podcast „Beste Freundinnen“ von zwei Männern anonym moderiert, in dem über männliche Fragen rund um Sexualität gesprochen wird. Platz 11 ist dann der Podcast „Besser als Sex“, der laut Mobil das, was „Beste Freundinnen“ macht „in weiblich anzubieten“ hat. Und natürlich muss dann die weibliche Version einen schlechteren Platz bekommen.

 Männlichkeit als Norm, Weiblichkeit als Abweichung: Minnie und Mickey Mouse als Beispiel von  Othering .

Männlichkeit als Norm, Weiblichkeit als Abweichung: Minnie und Mickey Mouse als Beispiel von Othering.

Frauen* nur in Abhängigkeit von Männern* zu beschreiben ist eine Form von "Othering".

Wer sich jetzt denkt, „Na und? Gefällt dem Autor halt besser, der Podcast 'Beste Freundinnen'. Kann er doch nichts für, dass das Männer sind.“, oder: „Was ist denn schlimm daran, dass der eine Podcast als die weibliche Version des anderen bezeichnet wird?“, oder: „Warum ärgerst du dich über so was Unwichtiges?“ – der*die übersieht, dass hier eine besonders offensichtliche Form von „Othering“ praktiziert wird.

Othering ist ein Begriff aus den Geisteswissenschaften, der die Praxis beschreibt, eine gesellschaftliche Gruppe als die Norm zu beschreiben und von anderen abzugrenzen. Alle anderen (auf Englisch „the others“, daher der Begriff) werden dann immer als abweichende Version der Norm definiert.

Schön kann das zum Beispiel bei Comics gesehen werden. Männliche Comic-Tiere haben kaum Kleidung oder „Männlichkeits“-Merkmale, während die weiblichen Figuren immer markiert werden müssen – zum Beispiel mit einer Schleife, besonders langen Wimpern, Lippenstift etc. Die männlichen Tiere sind hier die Norm, während die Abweichung markiert werden muss.

Das ganze funktioniert auch mit den Kategorien Schwarz/weiß, behindert/nicht behindert etc.

 Das Strichmännchen, simple. Sobald eine Frau gemeint ist muss erst noch mindestens ein Rock her. Die Norm bleibt: Das Strich MÄNNCHEN .

Das Strichmännchen, simple. Sobald eine Frau gemeint ist muss erst noch mindestens ein Rock her. Die Norm bleibt: Das StrichMÄNNCHEN.

Ein weiblicher Hemingway? Soll das ein Kompliment sein?

Auch in der Kunst oder in der Literatur ist dieses Phänomen häufig. So wird die Kunst von Frauen* oft als weibliche Auslegung von bereits vorhandener männlicher Kunst beschrieben und ihr damit völlig die eigene Originalität abgesprochen („Sie ist eine Art weiblicher Hemingway“).

Das degradiert die Arbeit und eigene Schaffenskraft der Künstlerin*, da sie ja nur eine Variante des Originals bleibt, kein eigenes Original.

Es zeigt sich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, zum Beispiel, dass es bis vor noch nicht allzu langer Zeit üblich war, die Frau mit dem Namen ihres Mannes anzusprechen („Frau Doktor Georg Schulz“). Das mag wie eine Lappalie erscheinen, aber es ist meiner Meinung nach ein Symptom der strukturellen Geringschätzung oder unbewussten Abwertung weiblicher* Kunst und Eigenständigkeit, das sich hier eben beispielhaft zeigt.

Es gibt soo viele tolle Podcasts von Frauen* und queeren Menschen!

Der Artikel im Mobil Magazin scheint mir absolut ignorant gegenüber weiblicher Originalität und präsentiert Othering in offenster Form. Dazu kommt, dass 19 von 25 gelisteten Podcasts ausschließlich männlich moderiert werden. Nur drei ausschließlich von Frauen*. Come on, Deutsche Bahn Mobil, das könnt ihr besser! Ihr habt eine Reichweite von 1,25 Millionen Leser*innen pro Monat. Damit beeinflusst ihr die Wahrnehmung von Frauen* in unserer Gesellschaft maßgeblich. Es gibt soo viele tolle Podcasts von Frauen* und queeren Menschen, die gesehen werden wollen und den „männlichen Versionen“ in nichts nachstehen.

Wir zeigen euch ein paar Sammlungen von Podcasts, die ihr beim nächsten Mal vielleicht beachten könnt, um nicht weiter in den 50ern festzustecken, was Geschlechterbewusstsein angeht:

  • Eine Sammlung vom Missy-Magazine hier.
  • Von ze.tt hier.
  • Von Kaiserinnenreich hier.
  • Von Der Standard hier.
  • Und noch ein Special Tipp eines super neuen Podcasts: hier.
Mit den Händen arbeiten

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Songs & Schnack: What's Yr Take On Cassavetes?

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