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Sexismus an Hochschulen, Teil 4: Interview mit Tabea Nixdorff

Sexismus an Hochschulen, Teil 4: Interview mit Tabea Nixdorff

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Die ersten Teile unserer Serie über Sexismus an Hochschulen entstanden letzten Sommer (hier Teil 1, Teil 2 und Teil 3) und beschäftigten sich vor allem mit den Schreibschulen. 2018 sind die Kunsthochschulen dran – dank der Initiative #wessenfreiheit fanden am 5. und 6. Juni bundesweit öffentliche Aktionstage statt.

Wepsert hat mit der Künstlerin Tabea Nixdorff gesprochen, die den Aktionstag in Leipzig mit organisiert hat.

Wie kam es dazu, dass du den Aktionstag mit organisiert hast? Wie hast du dich bisher mit dem Thema Gleichberechtigung und Sexismus an Hochschulen beschäftigt? Was kritisierst du, in Bezug auf diese Themen, allgemein an Hochschulen und speziell an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (HGB)?

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Es gab in meinem letzten Studienjahr an der HGB einen Vorfall, der mir sehr deutlich strukturelle Schwächen aufgezeigt hat, wie mit Sexismus und Gleichstellungsproblemen institutionell umgegangen wird. Das hat mich sensibilisiert. Und es hat nicht nur bei mir das Bedürfnis sehr stark werden lassen auf ein unzureichendes Verantwortungsbewusstsein bei der Neubesetzung von Professuren öffentlich hinzuweisen. Denn Lehrende sind an einer Kunsthochschule enorm prägende Menschen; ihre Subjektivität setzt die Voraussetzungen, unter der sich die künstlerischen Positionen der Studierenden entwickeln und behaupten können müssen.

Natürlich sind streitbare, starke Persönlichkeiten in der Lehre bereichernd, doch nicht, wenn diese beispielsweise zu Grenzüberschreitungen auf zwischenmenschlicher Ebene neigen. Ich finde es erschreckend, wenn Personalentscheidungen zugunsten der Reputation einer Hochschule anstatt zugunsten eines respektvollen Klimas in der Lehre getroffen werden.

Was das respektvolle Klima betrifft, wird meiner Erfahrung nach an der HGB viel zu wenig miteinander gesprochen und bereitwillig gezeigt, was einen beschäftigt und was produziert wird – und das, obwohl sich an der HGB lauter Menschen versammeln, die ein künstlerisches oder gestalterisches „Mitteilungsbedürfnis“ verbindet. Es ist schwer zu sagen, wann oder wo sich diese Scheu und Zurückhaltung etabliert – und ich vermute auch Lehrende sind manchmal frustriert davon. Doch es wird von Studierenden immer wieder geäußert, dass sich innerhalb vieler Klassen und Seminare keine Kultur des Austauschs entwickele, die den Einzelnen ein Gefühl von Sicherheit oder wenigstens Ermutigung zum Sprechen geben könnte.

Es gibt immer auch einige, die gut klar kommen, doch das sind oft jene, die schon mit einem gefestigten Selbstbewusstsein ankommen. So entstehen Dynamiken, die die ohnehin schon bevorteilten Menschen fördern und andere verstummen lassen. Es werden Rahmenbedingungen aufrecht erhalten, die auf einzelne Biographien destruktiv einwirken.

Um endlich den Bogen zum Aktionstag #wessenfreiheit am 5. Juni zu schlagen: An den bundesweit in Kunsthochschulen stattfindenden Aktionstagen sollte es darum gehen, diese destruktiven Kräfte sichtbar zu machen, in ihrer Spezifik für Frauen. Obwohl – oder gerade da – vieles subtiler abläuft als vor 50 Jahren, ist Leben und Arbeiten der meisten Künstlerinnen und Gestalterinnen von der Erfahrung geprägt, immer wieder als Objekt wahrgenommen zu werden und in der (Kunst-)Geschichte als wirkende Subjekte unterrepräsentiert zu sein.

Unter welchen sozial und emotional prekären Bedingungen Frauen zu Wort kamen oder doch stumm blieben, beschäftigte mich und Katrin Erthel während des Studiums auch in einem langzeitigen Buchprojekt über eine Stenotypistin. Dass wir am Ende unserer HGB Zeit mit dem Aktionstag nochmal auf so realpolitische Weise gegen diese Bedingungen aktiv werden würden, fühlt sich im Nachhinein sehr bedeutsam an und ich bin dankbar über den Aufruf von zwei Professorinnen aus Berlin und Braunschweig. Nur dadurch mobilisierte sich an der HGB spontan eine Organisationsgruppe für den Aktionstag #wessenfreiheit.

Was waren deine Ziele für den Aktionstag?

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Mir war es wichtig Sichtbarkeit für Themen zu schaffen, die im normalen Hochschulalltag (wenn überhaupt) in Einzelgesprächen oder als „Gossip“ aufkommen, doch zugleich Eingang finden in künstlerische Arbeiten. Themen, die Teil einer geschlechtsspezifischen Erfahrungswelt sind, manchmal mit Scham belegt, die von Begehren und Wunden sprechen, Verletzlichkeit mit sich bringen, lähmen, stimulieren, nicht unberührt lassen und nie einfach wieder verschwinden.

Es war uns wichtig, mit dem Tag ein Zeichen der Ermächtigung und Achtsamkeit zu setzen, ein Sprech-Angebot zu geben und einzufordern, dass es im Hochschulalltag unabhängige Ansprechpartnerinnen geben muss für Vorfälle von Benachteiligung, Bevorteilung, Übergriffigkeiten auf Grund von Geschlecht und jegliche Form von Machtmissbrauch.

Wie ist es gelaufen, was ist an dem Tag passiert?

Für die kurze Vorbereitungszeit und der diversen losen Organisationsgruppe ist etwas wirklich Gutes zustande gekommen, denke ich. „Wir brauchen mehr Zeit“ sagte der Hochschulrektor in der Diskussionsrunde. Dieser Satz fällt so oft in Bezug auf notwendige Veränderungen und mag auch der Unbeweglichkeit und Trägheit von Bildungsinstitutionen geschuldet sein. Eine Initiative wie #wessenfreiheit zeigt, dass Ambition die wichtigere Ressource ist als Zeit.

Innerhalb von vier Wochen wurde trotz schwieriger Voraussetzungen ein kuratierter Büchertisch, künstlerische Interventionen, kurze Lesungen und Performances, eine Einwurfbox für anonyme Erfahrungsberichte, eine Diskussionsrunde und ein Filmscreening mit externen Gästen als Ideen für den Aktionstag umgesetzt. Alles fand zentral im Lichthof der Hochschule statt, sodass ein Tag lang vor Ort zumindest symbolisch kein „Wegschauen“ der Themen möglich war.

Insbesondere zur Diskussionsrunde: Habt ihr Antworten auf eure Fragen finden, skizzieren, andenken können? Oder gibt es vor allem mehr Fragen?

Die Diskussion begann mit einer besonderen Geste: Es wurden in den Wochen vor dem Aktionstag gesammelte anonyme Einwürfe laut vorgelesen und mit ihnen ein Bild skizziert, in dem Sexismus und sexualisierter Machtmissbrauch an der HGB konkrete Realität ist – von unangenehmen Sprüchen gegenüber Frauen im Hochschulalltag bis hin zu körperlichen Übergriffen in Einzelkonsultationen hinter verschlossener Tür wurden Situationen geschildert. Die Dringlichkeit der Themen war allen Sprecherinnen in der Runde sicherlich auch ohne diese Erfahrungsberichte bewusst, doch den Stimmen öffentlich zuhören zu müssen war für mich ein unerwartet ergreifender Moment.

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Wie werden solche Erfahrungen durch die Forderung nach künstlerischer Freiheit legitimiert oder gestützt? Widmet sich die Institution Kunsthochschule ausreichend der Aufgabe, Chancengleichheit zu schützen bzw. herzustellen? Diese Ausgangsfragen der Diskussionsrunde wurden durch die einzelnen Redebeiträge auf jeden Fall berührt und weitergedacht und es war großartig, wie Julia Schäfer von der GfZK durch ihre Moderation ein Stimmungsbild zusammengetragen hat.

Es war auch spannend, die Blicke der Gäste von außen zu erfahren; beispielsweise wies Diana Hillebrand darauf hin, dass die Rolle von Körperlichkeit an Kunsthochschulen (zum Beispiel durch Aktstudium, Einzel- und Gruppenkonsultationen zu künstlerischen Arbeiten mit teils sehr persönlichen Themen) andere Herausforderungen für deren Gleichstellungsbeauftragte mit sich bringe als an natur- und geisteswissenschaftlichen Unis.

An der HGB gleicht die rotierende Aufgabe der Gleichstellungsbeauftragten mehr einem Ehrenamt, zusätzlich zur eigentlichen Anstellung, was regelmäßig zu Überforderung und Überlastung führe, bestätigte wiederum Julia Blume aus ihrer Erfahrung. Sie gab außerdem einen beeindruckenden historischen Abriss über die von Anfang an benachteiligten Voraussetzungen für Studentinnen und weibliche Lehrende an der HGB, der mehr Fragen aufwarf als beantwortete. Dass nur mit finanziellen Mitteln eine qualifizierte Gleichstellungsarbeit etabliert werden kann, zeigte der Einblick in die Arbeit von Annika Sominka, die an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein temporär über das Projekt FEM-Power bezahlt wird Workshops, Beratungen, Vorträge und Symposien als Empowerment-Programm anzubieten.

Mich hat erstaunt, dass sich am Aktionstag, insbesondere bei der Diskussion, nur wenige Lehrende im Publikum befanden. Es wurden wichtige Kritikpunkte von Studierenden geäußert, es fand ein wertvoller Erfahrungsaustausch und eine Bestandaufnahme statt, die an den Verantwortlichen vorbei ging. Hoffentlich trägt zumindest der Rektor, der mit diskutiert hat, die Themen in den Senat und das Rektorat hinein. Denn so eine Veranstaltung lässt sich auch schnell öffentlichkeitswirksam vereinnahmen, ohne je intern auf die Forderungen und damit strukturellen Probleme eingegangen zu sein.

Wie geht es jetzt weiter? Was sind eure nächsten Schritte?

Diesbezüglich kann ich nur Wünsche, keine konkreten Pläne äußern, denn meine Zeit an der HGB und in Leipzig ist erstmal zu Ende. (Ich ziehe für ein Masterprogramm und zu meiner Partnerin in die Niederlande).

Ironischerweise war der Aktionstag #wessenfreiheit eine Erfahrung, die ich vorher an der HGB vermisst habe. Ein inhaltliches und persönliches Anliegen – nämlich gegen sehr konkrete Probleme von struktureller Benachteiligung, sexualisierter Gewalt und der Unsichtbarkeit bestimmter (oft weiblich konnotierter) Erfahrungen anzugehen – brachte plötzlich wunderbare Menschen zusammen, die vorher nur vereinzelt in der Hochschule gewirkt haben.

Besonders diese Vernetzungen sind wertvoll, und ich wünsche mir, dass der Aktionstag vielleicht andere ermutigt hat dieses oder vergleichbare Formate aufzugreifen und sie ähnliche Erfahrungen machen können. Schließlich hat aller Antrieb für die Organisation des Aktionstages nur deshalb die Studienzeit überlebt, da Katrin und ich uns hatten. Wir haben fast unser ganzes Studium zusammen an Projekten gearbeitet und dabei gar nicht gemerkt, wie wir daran gewachsen sind. Das ist vielleicht die wirksamste Kraft gegen Machtmissbrauch: Beim Studieren die richtigen Kollaborateure zu finden. Am liebsten würde ich einen Teil von mir hier lassen und einen von ihr mitnehmen. Die Idee bei #wessenfreiheit war auch, über den hashtag ein bleibendes und hochschulübergreifendes Forum aufzubauen. Ich bin in sozialen Medien nicht aktiv, doch vielleicht ist mein Wegzug und der Aktionstag endlich Anlass das zu ändern …

Zu den Filmen, die ihr am Abend des Aktionstages gezeigt habt: Wie hast du die Auswahl getroffen? Welche Filme standen für dich noch zur Auswahl?

Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – ReduPers“ von Helke Sander wollte ich in das Programm des Aktionstages aufnehmen, da der Film wie kein anderer zuvor das Leben einer Frau aus der Perspektive einer Frau portraitiert, die versucht sich von ihren unterschiedlichen Rollen als Pressefotografin, Künstlerin, Mutter und begehrendes Subjekt nicht zerreißen zu lassen. Der schwarz-weiß Film von 1978 ist auch formal-ästhetisch großartig und es scheint keinen anderen Grund als die im Film thematisierten Mechanismen von geschlechtsspezifischer Ungleichbehandlung zu geben, warum es weder der Titel noch die Regisseurin in den Kanon des sogenannten „Neuen Deutschen Films“ geschafft haben. Zu dieser „Schule“ werden immer wieder ihre gleichen männlichen Kollegen genannt: Kluge, Herzog, Fassbinder, Farocki.

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Andere Ideen für das #wessenfreiheit Screening waren „Born in Flames“ und „The Watermelon Woman“. Alle drei erwähnten Filme bewegen sich zwischen Dokumentation und Fiktion. Die Erfahrung der Marginalisierung und vermeintlichen Geschichtslosigkeit überträgt sich scheinbar auf die Form: Ihnen allen ist gemein sich in einer Art feministischen Rückeroberung ein teils reales teils fabuliertes Archiv visuell und narrativ anzulegen. Bezeichnenderweise sind diese Filme meist nur in explizit feministischen Kontexten bekannt und werden, auf ein Neues blinde Flecken produzierend, in kunst- bzw. filmwissenschaftlichen Seminaren nicht erwähnt.

Vielleicht können sich ja in Zukunft #wessenfreiheit Filmabende etablieren und wir unsere kunstgeschichtlichen Lücken füllen sowie neue Vorstellungswelten entdecken.

Zum Thema Utopie (denn das war das Hauptthema des zweiten gezeigten Filmes von Kathrin Lemcke): Was wäre deine Wunschkunsthochschule? Wenn alles möglich wäre, wie wäre dein Alltag an der HGB?

Es gäbe mehr Frauen in der Lehre als Vorbilder, und schließlich nur noch Vorbilder, die einen sensiblen Umgang gegenüber dem Aussehen, Sprechen und Verhalten der Gegenüber zeigten, eine rege und achtsame Diskussionskultur förderten, in der sowohl Verletzbarkeit als auch Stärke sich zeigen dürften. Es gäbe immer eine Ansprechpartnerin, wenn eines der genannten Umstände verloren ginge, es gäbe sehr viel Lust und Energie und Mut zu arbeiten, zu zeigen und zu fragen und keine Arroganz gegenüber jenen, die etwas anderes als Kunst tun.

Das Interview wurde nach dem Aktionstag per Mail geführt und von der Wepsert-Redaktion minimal lektoriert. Die Betonungen sind ebenfalls von uns.


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Was soll das mit #reclaimhysteria?

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Songs & Schnack: Bluestocking

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