gepflegte Hysterie & feministischer Diskurs #reclaimhysteria

Songs & Schnack: I Am Not Afraid

Songs & Schnack: I Am Not Afraid

I’ll never have any children

Ein bisschen herzzerreißend ist es schon, wenn Owen Pallett es in seinem schönsten Falsett und aus voller Lunge aus sich heraussingt, während die Violine wieselt und Hörner Melancholie tuten wie ein ablegender Dampfer. Was für eine herrliche Schmonzette, und es geht offensichtlich darum, dass jemand niemals Kinder haben wird. Lasst uns genauer hinhören!

Was singt der Typ in den Lyrics da überhaupt für ein komisches Wort, ze? Ze und hir sind die beliebtesten genderneutralen Pronomen in der englischen Sprache. (Eine Zusammenfassung der coolen sprachlichen Möglichkeiten auf Deutsch findet ihr hier.) Aber nicht nur ze gibt es im Lied, ein Pallett'sches Ich, ein solidarisches Wir stimmen polyphonisch ein. Der Songwriter dazu:

I did not want the aggressive statement of ‘I’ll never have any children’ to be ascribed upon a specific gender. I deliberately kept the aggressive sentiments of this song spread out over a variety of voices; self, other, various gender states.

Pallett arbeitet sich hier am Thema der Kinderlosigkeit ab, und das betrifft viele Menschen empfindlich. Besonders laut im Mütterdiskurs sind Heterofrauen nach erfolgreicher Fortpflanzung mit einem passenden Männchen. Leider wird über alternative Lebensentwürfe und Familien, das Scheitern am Kinderwunsch, über Schwangerwerden und -bleiben, die Entscheidung dagegen usw. deutlich weniger laut, häufig und öffentlich gesprochen. Es ist wichtig, dass wir das tun: Nicht nur aus Solidarität, sondern um das an diesen Themen haftende Tabu endlich zu lösen und um uns alle von dem Druck zu befreien, dass a) Kinder, b) biologisch, c) auf den ersten Versuch, d) mit Vater und Mutter, e) in eine Ehe, f) usw. ... kommen müssen.

Sarah Diehl fungiert mit ihrem Buch Kinderlos glücklich als Galionsfigur einer Bewegung, der es gelingt, Kinderlosigkeit nicht als tragisches Schicksal, mangelndes Interesse am Gemeinwohl oder Peter-Pan-Syndrom anzusehen. Das ist ein feministisches Anliegen im engen Wortsinn, denn insbesondere Frauen erfahren Druckmacherei und Übergriffigkeiten, wenn es um ihre Reproduktion geht. Das beginnt bei indiskreten Nachfragen à la Und Kinder? Deine biologische Uhr tickt!von gelangweilten Großeltern in spe, die zur Bespaßung in der Rente Enkel produziert bekommen möchten, führt über fürsorgliche Gynäkolog*innen, die ungefragt zur Fortpflanzung mahnen und endet, wie kürzlich geschehen, bei dem Apotheker, der seiner Kundin aus ethischen Gründen die Abtreibungspille verweigert.       

And I’ll never have any children
I would bear them and confuse them, my children
And I’m not at all afraid of changing

Der verbreiteten Annahme, dass es gesellschaftliche Pflicht sei, Kinder zu zeugen - die Menschheit muss schließlich weiterbestehen!!einself!!“, „Generationenvertrag! - sei entgegengestellt, dass wir in den Industrienationen bereits zu viele Konsumenten sind. Bei einem gleichbleibenden Wirtschaftswachstum und Konsumverhalten verbrauchen sich die Ressourcen unserer Umwelt, warum also noch mehr CO²-Produzenten in die Welt setzen? Für eine gesunde Ökobilanz reicht es nicht, Einwegbecher und Kaffeekapseln zu verbannen; hilfreicher wäre es, auf Flugreisen zu verzichten, kein Auto zu besitzen und weniger Kinder zu bekommen.

Die Zahl der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern im Haushalt lag im Jahr 2015 bei rund 7.000. Bei 94.000 gleichgeschlechtlichem Lebensgemeinschaften¹ in Deutschland (Untergrenze, Zahl schwer zu evaluieren ) ist das nicht so viel - also weit weg vom großen Hetero-Single-Bekümmernis „Alle heiraten und kriegen Kinder. Warum ist das so?

Fraglos ist, dass es LGBT-Eltern in strukturellen Aspekten schwerer gemacht wurde und wird, eine Familie zu gründen. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist in Deutschland erst seit Herbst 2017 eingeführt, im gleichen Jahr gaben nur rund 57 Prozent der befragten Deutschen an, das Adoptionsrecht für verheiratete schwule Paare zu befürworten², eine knappe Mehrheit. (Wir bei Wepsert wünschen uns 100 Prozent und ein verwirrtes Hä?) Politik und gesellschaftliche Mainstream-Meinung stehen in Wechselwirkung; gesetzliche und Alltagsdiskriminierung von alternativen und Regenbogenfamilien sind noch lange nicht verschwunden.

Saturn frisst seine Kinder in einem Gemälde von Francisco Goya. „I’d bear them and eat them, my children“, singt Pallett.

Der Outcry der Person im Song I'll never have any children ist, wenn man kräftig nachdenkt, also eigentlich aus jeder, aber besser noch aus einer aus Gendergründen benachteiligten Position zu verstehen. Wenn gefühlt nur Schwierigkeiten und Diskriminierung auf einen kleinen Menschen und seine Eltern warten, wenn die Biologie ihr eigenes Spiel macht und sich nur unter höchsten Kosten und Anstrengungen nach Wunsch formen lässt, dann ist der Verzicht naheliegender. Palletts Lied hat den Beiklang von Trauer, und Alternativen - ein diszipliniertes, gesundes Leben - werden als Zukunftsperspektive genannt. Hier geht es also nicht in erster Linie um Diejenigen, die einfach keine Kinder wollen, auch nicht unter günstigen Umständen. Es ist ein Lied über eine bestimmte Art von Einsameit, ein Abschieds-, ein kraftvoller, mutiger Trostsong für alle Verhinderten, ob durch Diskriminierung, Erschwerung, biologisches Unglück oder aus selbstloser Voraussicht und Liebe zum hypothetischen Kind, oder, wie es Pallett nennt, a statement of support and sympathy and compatriotism to other people who, by choice or for biological reasons, have decided upon a childless future.

And then when ze started to sing
Nobody could’ve called them crazy
Open chord forever unchanging
Holy eternal drone

1) https://www.lsvd.de/recht/ratgeber/lebenspartnerschaft-gesetz/statistik.html
2) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/723121/umfrage/umfrage-zum-adoptionsrecht-fuer-homosexuelle-paare/

Das prämenstruelle Syndrom

Das prämenstruelle Syndrom

Fotos von Yvie Ratzmann

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