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Songs & Schnack: Chelsea Hotel No. 2

Songs & Schnack: Chelsea Hotel No. 2

You told me again you preferred handsome men
But for me you would make an exception

I prefer handsome men but for you I make an exception - so oder mit ähnlicher Rockstarallüre muss Janis Joplin auf Leonard Cohens Avancen eingegangen sein. Bäm, das sitzt! Doch der Reihe nach.

Das titelgebende Hotel des ersten Songs unserer Reihe Songs & Schnack - jenes sagenumwobene Chelsea Hotel in New York jedenfalls, in dem auch Patti Smith einst Bob Dylan fangirlte, indem sie sich von ihm ihre Gitarre stimmen ließ - ist Schauplatz einer flüchtigen Romanze, festgehalten in den bemerkenswerten Lyrics des Songs Chelsea Hotel No. 2. Es ist eine der vielen Schmonzetten über vergangene Eroberungen aus der Feder des mittlerweile im Elysion raunenden Leonard Cohen, der immer noch gerne leise angestellt wird, um die Lover überall auf der Welt am Morgen danach wachzukuscheln.

Doch zurück zum Chelsea Hotel: Janis Joplin, damals 25, und Leonard Cohen, damals 33 Jahre alt, begegneten sich 1968 nach Verwirrung und Flirt im hoteleigenen Lift schließlich im Bett und drei Jahre später entsteht der weltbekannte Song. Bis heute gehört Chelsea Hotel No. 2 zu den größten Gassenhauern und wird gerne für Zitate hergenommen, die die existenzstabilisierende Wirkung von Musik ausdrücken sollen. Wenn man gar nichts hat, so bleibt einem doch die Musik, so die Message.

And clenching your fist for the ones like us
Who are oppressed by the figures of beauty
You fixed yourself, you said, Well, never mind
We are ugly but we have the music

Leonard Cohen bereute in späteren Interviews, über die kurze Begegnung nicht geschwiegen und sie zu einem Song verwurstet zu haben, und auch Janis Joplin zeigte sich enttäuscht, dass ihr Cohen - wie im übrigen auch ihr anderes Bettgeschichtchen Jim Morrison - nichts zu geben gehabt hatte. Eine bittere Rekapitulation einer flüchtigen Affäre, wie es sie so oft gibt, das Interessantere ist aber, wie Cohen Joplin zitiert und ihre (angeblichen) Aussprüche mittels eines Lieds verlautstärkt.

You were famous, your heart was a legend
You told me again you preferred handsome men
But for me you would make an exception

Zuerst muss sich Cohen scheinbar brüsten, eine solche Berühmtheit ins Bett gezogen zu haben. Dann zitiert er eine Janis Joplin, die ihn auf beste Macho-Art abwatscht, ihn hässlich nennt - sich selbst zugleich aber auch - und ihm sozusagen einen Fick aus Mitleid oder Solidarität gönnt. Das ist nicht nur für die 1960er-Jahre und eine Frau in seiner Explizität und Aussage zur Sexanbahnung ungewöhnlich; noch heute beteuern viele, Männer müssten nicht gut aussehen. Hier ist eine, die sagt, sie will nur Schöne. 50 Jahre ist diese kleine Begegnung her und es ist mindestens für damals bahnbrechend, wie Verführen und Verführtwerden, Laut- und Leisesein, Aggression und Duldsamkeit umgekehrt werden. Chauvinistisch, wie der Spruch ist (hier wird ein Opfer, wenn auch als spielerischer Flirt, zum Täter), spricht er aber Bände auf die miesen Erfahrungen, die Joplin beim Erwachsenwerden und in ihrer Karriere mitmachen musste. So wurde Joplin zum Beispiel von einer Männergruppe zum "Ugliest Man on Campus" gewählt, was an der so taff auftretende Sängerin, die ihre Verletzlichkeit hinter Raunen, Heulen, Schreien, wilder Rockmusik und heftigem Drogenkonsum versteckte, einfach nicht spurlos vorübergangen sein kann. Bis heute werden ihre Looks fast so viel wie ihre Musik diskutiert. Joplin hat irsinnig viel Kraft und Wut ihrer fraglos wunderschönen Musik, Cohens melancholische Ballade ist dazu ein hörenswertes Zeitdokument, das leiser und nicht weniger eindrucksvoll von der Ungerechtigkeit des Musikbusiness gegenüber Frauen und seinen Auswirkungen zeugt.

Aber das ist nur ein Beispiel: Denn da wäre noch die wunderbare Sharon Jones, Jahrgang 1956, die von einem Produzenten bei Sony Music mit dem Argument abgewiesen wurde, dass sie nicht groß genug, dünn genug, jung und hellhäutig genug sei, um mit Musik Karriere zu machen. Machte sie die Karriere einfach auf ihre späten Tage - because fuck you! Und vergessen wir, ein Beispiel aus der heutigen Zeit, auch nicht Adele, Jahrgang 1988, die von Karl Lagerfeld, seinerseits nun nicht unbedingt ein Paradebeispiel für gesundes Essen, er scheint außerdem zu allem eine starke Meinung zu haben, „ein bisschen zu fett“ genannt wurde. Was für Vollhorste!

Tut es also der guten Janis Joplin gleich und clench your fist for the ones who are oppressed by the figures of beauty!

 

 

 


 

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