gepflegte Hysterie & feministischer Diskurs #reclaimhysteria

Songs & Schnack: Boys

Songs & Schnack: Boys

Got a boy with degrees, a boy in the streets
A boy on his knees, he a man in the sheets

Eine funky Hymne mit Cowbell, fetter Bassline und einem packenden Hook, um die Objekte der Begierde - hier Boys - und die Lust auf Hotties zu feiern. Nichts falsch daran: auf dicke Hose machen und die eigene ungebremste Promiskuität inszenieren. Eklig, wenn es passiert wie bei Robin Thicke und Blurred Lines damals, aber sympathisch, wenn es geschieht wie bei Lizzo. Und bei ihr ist es jetzt ok, weil sie eine Frau, schwarz und fett ist, oder was? Weit gefehlt! Aber wo liegt dann der Unterschied?

I like big boys, itty bitty boys
Mississippi boys, inner city boys
I like the pretty boys with the bow tie
Get your nails did, let it blow dry
I like a big beard, I like a clean face

Lizzos Braggadocio - sie hat an jedem Finger mindestens einen Boy abrufbereit - ist nicht übergriffig. Sie bleibt bei sich, und wenn sie die Aufreißklassiker (Noch wach? Bist du allein?) anwendet, rappt sie über das, worauf sie Lust hat, was sie fühlt. Sie macht die Boys durchaus zu Lustobjekten, es gibt wie bei Eiscreme alle möglichen leckeren Sorten, aber sie projiziert nicht ihr Begehren auf die Jungs oder meint etwa - schlimmer noch! so geschehen bei Thicke - zu wissen, wer alles scharf auf sie ist und deswegen auch ohne Konsensbekundung hergenommen werden kann. Lizzo entwertet die besungenen Boys, wie es im Hip Hop mit Girls seit Jahrzehnten üblich ist, und sie reduziert sie auf ihr Kapital Bildung, Optik und sexuellen Service. Aber sie schafft es, im Gegensatz zu vielen männlichen Rappern, dabei Fingerspitzengefühl zu beweisen und bei ihrer Angeberei keine Grenzen zu verletzen. Sie ist sogar ausdrücklich integrativ.

I don’t discriminate, come and get a taste
From the playboys to the gay boys
Go and slay, boys, you my fave boys

Was Lizzo hier erzählt, ist eine gar nicht mal besonders innovative Story vom gutem alten Spaß mit einer Vielfalt unterschiedlicher Partner. Neu ist nur, dass das so von einer Frau kommt: Lizzo kriegt einfach nicht genug von Boys, sie will sie alle! Es geht um möglichst viel Sex und eine Haltung à la Ob Blond, ob Braun, ich liebe alle Frau’n (ein Schlager von 1935). Aber: No strings attached bei Lizzo, was sie gleich mal klar stellt, bevor einer der Schnuckis anfängt, von der Hochzeit in Weiß zu träumen.

Baby, I don’t need you
I just wanna freak you

Es ist ein altes Lied: Lieben, begehren, aber nicht brauchen (wollen). Hier eine hübsche Live-Version von der allseits - übrigens auch als Buchautorin von The Art Of Asking - gefeierten Amanda Fucking Palmer. Es gibt darüber hinaus eine Version von Momus, der in unserer Reihe Songs & Schnack bereits mit einem Lied über Blaustrümpfe und die Erotik von Belesenheit dabei war. Auch, sich bei Lizzos Boys an Missy Elliotts Get Your Freak on und wie sie darin mit ihrer Hotness angibt erinnert zu fühlen, wäre hier naheliegend.

Dass Frauen ihr Begehren offen äußern können, ist noch recht neu. Seit der Venus von Willendorf und der unverklemmten Verehrung der Vulva sind 30.000 Jahre vergangen. Es nicht übertrieben zu schreiben, dass die weibliche Sexualität und Lust seit allerspätestens dem Mittelalter und der christlichen Kirche mit Tabus und Verboten belegt wurde. Das sind Jahrtausende der Unterdrückung - da staut sich epigenetisch schon ein bisschen Lust an! Zarah Leander sang noch zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs kokett Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?, und wenn man bedenkt, wie viele Ausnahmenregelungen - Ausländerin, androgyn, Kriegszeit, Künstlerin - für sie geltend gemacht werden mussten, damit sie keck Affären auch für Frauen vorschlagen kann, dann merkt man: ganz normal ist weibliche* Lust auf Sex ohne Partnerschaft für uns alle noch nicht. Das sieht man nicht zuletzt an Cro, der 2017 (!) noch rappte: "Und sie fragt mich: Zu dir oder zu mir?/ Und auf einmal krieg' ich Panik und dreh' ab/ Ich wollte eigentlich gar nicht, dass es klappt/ Denn aus Maria würde plötzlich eine Slut." Der Klassiker: angesichts weiblicher Lust werden die Schwänze der Machos schlapp. Slut, zu Deutsch die gute alte Schlampe, ein Mensch, der Sex genießt, hat als Begriff immer noch Reclaiming nötig. (Bei der Taz könnt ihr hier einen Artikel von Kristina Marlen zum Themenkomplex Schlampen-/Hurendasein und sexuelle Lust lesen.)

Frauen werden immer noch dazu erzogen, passiv zu sein, weil sie sonst angeblich für Männer nicht erotisch sind. Wenn eine Frau die Initiative ergreift und sich gezielt jemanden aussucht, mit dem sie Sex hat - dann sagen mir Leute, das sei männliches Verhalten!
— Charlotte Roche

Häufig sind Künstler*innen die Avantgarde für gesellschaftliche Veränderung. Motown-Sänger*innen durften bspw.  im Fernsehen auftreten, während die Rassentrennung außerhalb des Entertainments noch als normale Sache galt. Auf der Bühne, in der Musik darf man sich im Schutzraum Kunst herrschaftskritisch äußern. Wenn also jetzt weibliche* Lustbekundungen in der Musik aufploppen, dann lasst es uns feiern. Vielleicht tut sich mal was!

Danke, es hat Taschen!

Danke, es hat Taschen!

Girl Crush: Franziska Barth

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