Mehr als ein Essay / Intro
2021 startete der Querverlag - ein 1995 gegründeter, lesbisch-schwuler Buchverlag, unter dem Titel “in*sight/out*write” eine neue Reihe „über Aspekte und Facetten, Möglichkeiten und Held*innen einer nicht-heteronormativen Gesellschaft“. Jeweils 64 Seiten mit Fragen, Visionen und Utopien. 2025 erschien die Erstauflage von Alex M. Gastels “Als in meinem Ausweis noch ... stand. Über den Schmerz von Deadnames und Misgendern - und wie es besser geht”. Bald nun erscheint bereits die zweite Auflage.
Ein in seinem Format kleiner und in seiner Länge kurzer Band, der wie fast alle Bände der Reihe in*sight/out*write gerade deswegen umso wichtiger ist. Denn Alex M. Gastel erklärt hier, welchen Schmerz es nicht nur für demm bedeutet, wenn deren Deadname benutzt wird oder dey misgendert wird. Das Nicht-Begreifen, Nicht-so-gemeint-Haben und das Nicht-Anerkennen dieses Schmerzes seitens Menschen, Gegenübern, Gesprächspartner*innen führen zu „paradoxen Rissen“ und zur „großen Kluft“ (23). Denn der Gebrauch von falschen Namen und Pronomen ist mehr als Sprache: Er reiht sich ein in die Erfahrung der Ablehnung, des Hasses. Er IST Ablehnung. Umso wichtiger ist es deshalb, sich - wie es im Klappentext des Buches steht - zu fragen: „Wie ersparen wir unseren _trans* _ Freund*innen, unseren nicht-binären und intergeschlechtlichen Liebsten diesen Schmerz? Wie werden wir zu Verbündeten?“
Wir wollen diese Frage in die Welt schreien und haben Alex M. Gastel deshalb fünf Fragen zu deren Buch gestellt.
(c) Alex M. Gastel
Der Schmerz von Deadnames und Misgendern
Wie würdest du einem Kind beschreiben, um was es in deinem Buch geht?
Ich würde sagen: Als du auf die Welt gekommen bist, hast du von einem oder mehreren Elternteilen deinen Namen bekommen. Eventuell merkst du irgendwann, dass dieser Name nicht mehr gut zu dir passt. So war das auch bei mir. Dann kannst du dir einen neuen Namen aussuchen, der besser passt, so wie ich das auch getan habe. Jeder Mensch hat das Recht, den eigenen Namen zu bestimmen. Manche Leute sehen das anders. Sie versuchen, mich zu verletzen, indem sie meinen alten Namen benutzen. In meinem Buch erzähle ich von meiner Namensänderung und warum mir dieser alte Name eigentlich so wehtut.
Ich erzähle auch davon, wie meine Freund*innen und Liebsten mir helfen, indem sie mich mit meinem neuen Namen stärken. Sie unterstützen mich aber auch mit meinen Pronomen. Pronomen sind Wörter, mit denen andere über uns sprechen. Zum Beispiel: „Das ist Mehmet. Er liest gerne.“ Dann ist „er“ Mehmets Pronomen. Für mich passt weder „er“ noch „sie“ gut, weil ich weder Mann noch Frau bin. Deswegen benutze ich ein neues Pronomen: „dey“. Zum Beispiel: „Das ist Alex. Dey hat ein Buch geschrieben.“
Warum hast du das Buch geschrieben?
Ich bin schon vor zwölf Jahren zu einem geschlechtsneutralen Namen gewechselt – aber an geschlechtsneutrale Pronomen habe ich mich erst vor knapp zwei Jahren getraut, als they/them bzw. dey/denen im Deutschen verbreiteter wurde. Endlich gabs eine Option, die mir gefiel!
Eine befreundete Person, sie kommt anonymisiert als „Ronja“ auch im Buch vor, war irritiert darüber, warum „das Pronomenthema“ für mich so stressig ist. Und ob man das nicht weniger stressig machen könnte. Ich war megasauer auf Ronja, weil ich das Gefühl hatte, ihr geht es eigentlich nur darum, dass es für SIE weniger stressig wird. Trotzdem führte ich ein langes Gespräch mit ihr und erklärte, warum Misgendern sich eigentlich so schrecklich anfühlt. Diese Unterhaltung war überraschend ermutigend, weil sie mir ganz offen zugehört hat und ich das Gefühl hatte, sie versteht mich auf einmal. Das hat uns enger zusammengebracht, als wir davor waren.
Ich dachte, wenn meine Erklärung für Ronja funktioniert hat, muss sie doch auch für andere Leute verständlich sein. Also tippte ich los. Das Buch ist das Ergebnis.
(c) Alex M. Gastel
Welche Emotionen standen für dich beim Verfassen des Buches im Vordergrund?
Zum einen Neugier: Die grundlegende Idee in meinem Gespräch mit Ronja, und damit auch für den Text, bestand darin, dass meine alten Pronomen und mein alter Name (mein Deadname) ganz zu Beginn meiner Transition noch nicht so negativ belastet waren und ich hatte eine Vermutung, woran das lag. Diese Idee wollte ich erkunden.
Zum anderen Wut: Ich werde einfach richtig stinksauer, wenn ich über Momente nachdenke, in denen ich beglotzt wurde oder herabwürdigende Kommentare bekommen habe. Oder darüber, wie ich von meinen Großeltern wie eine heiße Kartoffel fallengelassen wurde, weil sie lieber einem Fantasie-Bild von mir hinterher trauern, als mit dem echten Menschen, der ich bin, Kontakt zu haben. Am meisten wütend daran macht mich, dass das ja keine persönlichen Beleidigungen gegen mich sind, sondern dass so viele Menschen von dieser und noch schlimmerer Transfeindlichkeit betroffen sind. Als weiße, transmaskuline und auch anderweitig privilegierte Person bekomme ich nur die winzige Spitze des Eisbergs an Diskriminierung ab und die ist schon ätzend genug.
Auf welche Hürden und Schwierigkeiten bist du beim Schreiben gestoßen?
Die Wut, die mich begleitete, als ich die schmerzhaften Szenen rund um Deadnaming und Misgendern im ersten Teil des Buches aufschrieb, hat mir zwar beim Schreiben geholfen – da konnte ich sehr gut abschalten und alles raushämmern - doch im zweiten Teil, als es dann um das heilende Gespräch zwischen mir und Ronja geht, fand ich plötzlich nicht mehr in den Ton von vorher zurück. Der Ton war auf einmal viel versöhnlicher und das Buch wechselte eigentlich das Genre: vom Essay zum Ratgeber.
Die Lösung war dann … einfach zu akzeptieren, dass ich beides auf einmal darf: Ja, ich darf transfeindliche Kackscheiße in essayistischer Sprache anprangern und danach praktische Tipps für Allys geben. Ich hatte keine Lust, die traurigen und wütenden Erkenntnisse aus dem ersten Teil einfach nur zu stehen zu lassen. Ich will, dass sich was ändert. Und damit sich was ändert, müssen endo _cis_ Menschen (Menschen die weder inter* sind noch _trans*_) Verantwortung übernehmen und tätig werden. Also sind halt Tipps für eben diese Menschen im Buch.
Was macht dein Buch feministisch?
Trans*identität, Nichtbinarität und Intergeschlechtlichkeit (auch für inter* Menschen können Misgendern und Deadnaming sehr relevant sein!) sind zutiefst feministische Themen. Letztlich geht es um Selbstbestimmung: Über den eigenen Körper und die eigene Identität zu bestimmen. Eine _cis_Frau, die ihren Nachnamen bei der Heirat mit einem Mann abgeben soll oder eine _trans*_ Frau, deren Vorname von ihrem Umfeld nicht akzeptiert wird – es ist das gleiche Patriarchat.
Um ein Beispiel im Bereich körperlicher Selbstbestimmung zu nennen: Jede Person mit Uterus muss das Recht haben für sich zu entscheiden, ob sie darin ein Kind bekommen möchte, abtreiben möchte, ob sie sich den Uterus entfernen lassen möchte oder ihn behalten möchte – egal, ob sie ein _trans*_ Mann, nicht-binär, inter* oder eine _cis_ Frau ist.
Wenn wir diese Menschen nicht universal verankern, dann machen wir uns zum einen schuldig. Und zum anderen sind die Rechte dann womöglich ganz schnell wieder weg. Wir sehen das immer wieder in Diktaturen und rechten Regierungen: Den verwundbarsten Minderheiten werden zuerst die Rechte weggenommen, aber dabei bleibt es nicht. Bald geht es dann auch Gruppen an den Kragen, die sich sicher wähnten. Darum, liebe Feminist*innen, lasst uns gemeinsam für Selbstbestimmung kämpfen – ohne jemand auf halbem Weg zurückzulassen.
(c) Alex M. Gastel
Alex M. Gastel (dey/denen) schreibt oft wütend, manchmal hot, meistens sogar ohne Impostor Syndrom. Deren Buch Als in meinem Ausweis noch … stand erschien 2025. Dey wohnt in Berlin und gibt Workshops zu Empowerment, kreativem Schreiben, diskriminierungssensibler Sprache und anderen Themen aus queerer Perspektive. Alex erklimmt gerne Berggipfel und Brettspielsiegpunktrekorde. Instagram: @empowerndes_schreiben. Webseite: www.empowerndes-schreiben.de.



